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Sonderveröffentlichung

Viel Holz in der Hütte

Hendrik Heise wollte in Dresden-Pappritz ein Grundstück kaufen und bekam ein marodes Haus dazu. Mit einem Architekten und vielen Handwerkern hat er ein Schmuckstück daraus gemacht

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Das vorher undichte Dach ist jetzt mit Biberschwanzziegeln gedeckt, die Feldermausgauben und Dachfenster wieder hegestellt.
Das Haus hat ihn gestört. Jahrelang. Aus seinem Wohnzimmer blickte Hendrik Heise auf das bröcklige Gemäuer, welches neben seinem Grundstück vor sich hin moderte. „Wenn ordentlich Wind war, kamen Dachziegel geflogen“, erinnert er sich. Und der Besitzer? In den 1990er-Jahren war das Anwesen verkauft worden, der neue Eigentümer schien sich mit seinen Sanierungsabsichten in der Warte-
schleife zu befinden.

Deshalb kann es eigentlich als glücklicher Umstand gelten, dass bei einem geplanten Weiterverkauf des Grundstücks plötzlich Nachbar Heise mit im Boot war. „Die Zufahrt zu meinem Haus führte über das Land.“ Eigentlich habe er nur diese paar Quadratmeter der Fläche erwerben wollen. Ja, und irgendwie hing das Haus mit dran. „Die meisten sagten: Reiß die Hütte ab. Andere sprachen davon, es kontrolliert einstürzen zu lassen.“ Und Hendrik Heise? Der ließ sich Zeit zum überlegen und suchte dann fachlichen Rat.


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Der Bauherr hat den denkmalgeschützen Bereich des Hauses gerettet.
Besser mit Architekten

Jetzt sind gerade letzte Arbeiten für die Heizung dran. Der schöne alte Holzschrank wartet im neuen ErdgeschossWohnraum darauf, dass die Schutzfolie abgezogen wird. Einige Geländer müssen noch befestigt, wenige Stufen verbreitert und abgeschliffen werden. Und dann? Dann wird der Bauherr die untere und mittlere Etage an Bekannte vermieten. Ganz oben unterm Dach aber will er sein Arbeitszimmer einrichten.

Vorab führt er schon mal über die schmale Treppe nach oben, wo sich die Balken unterm spitzen Dach treffen. „Das ist mein Lieblingsraum“, freut er sich auf den baldigen Einzug seines Schreibtisches. Hendrik Heise blickt aus der Fledermausgaube nach nebenan und erinnert die vergangenen Monate. „Kaum zu glauben, dass alles so gut ging.“ Und er setzt hinzu: „Ohne Architekten hätte ich das nicht gemacht.“ Diesen fand er übrigens über die Sächsische Zeitung. In einer Ausgabe war der Termin zur monatlichen Bauherrenberatung der Architektenkammer Sachsen veröffentlicht.

Als er ins Haus der Architekten in der Goetheallee kam, traf er auf Kay Wenzel. Man war sich gleich sympathisch – und der Architekt aus Radebeul der erste, der nicht sofort von Abriss sprach, als er Haus und Umstände erläutert bekam. Allerdings: Bedenken hatte der Fachmann schon, erst recht, nachdem er sich vor Ort umschaute. Da das Gebäude jahrelang unbewohnt und auch unbeheizt gewesen war, hatte sich Schimmel gebildet, „aber erstaunlicherweise kein Schwamm.“ Dazu kamen Risse, Salze, die geringen Deckenhöhen. Zudem regnete es durch das Dach in die Scheune. „Also: An Problemen gab es alles, was es überhaupt geben kann bei einer Altbausanierung.“ Es wurde gemeinsam entschieden, den Anbau aus den 1950er-Jahren abzureißen und nur den unter Denkmalschutz stehenden Teil zu erhalten.


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Die meisten Balken und Hölzer wurden erneuert. Fotos: Steffen Füssel
„Es wackelte alles“

Der Abriss des Anbaus war für Bauherr und Architekt allerdings auch ein kritischer Moment, eine Art Testlauf für die restliche Sanierung. „Es wackelte alles“, erinnert sich Kay Wenzel. Immerhin: Das Haupthaus blieb stehen, und fortan ließ es alles über sich ergehen, ohne mit großen überraschungen – weder unangenehmen noch angenehmen – aufzuwarten.

Die zeigen sich jetzt bei den Besuchern des Hauses, die unangenehmen allerdings nur, wenn diese über zwei Meter groß sind. Dann müssen sie sich in der Diele schon mal ducken. Immerhin sehen sie dadurch den schönen Boden mit den handgefertigten leicht welligen Tonplatten. Manch ein Handwerker habe sich an die niedrige Deckenhöhe schmerzlich gewöhnen müssen, so der Architekt, der den Umbau und die Sanierung des alten Bauernhauses nicht nur konzipierte, sondern auch überwachte. Ja, er habe auch bei einigen Handwerkern überzeugungsarbeit leisten müssen. Weil das Haus unter Denkmalsschutz steht, habe es keine einfachen Lösungen gegeben. Die erneuerten Holzfenster sind wie in der ursprünglichen Version mit glasteilenden Sprossen versehen, auf dem Fußboden sind massive Holzdielen verlegt, das Dach ist mit Biberschwanzziegeln gedeckt. Jetzt zu den angenehmen überraschungen: Diese erschließen sich Stufe um Stufe.

Baden unter Balken

Je höher man im Haus kommt, umso schöner wird es. Zunächst geht es durch den schmalen Gang von der Diele eine Stufe nach oben ins Wohnzimmer im Erdgeschoss. Die alte Scheunendecke wurde bei ihrer Höhe von 3,20 Meter belassen, die meisten Balken und Hölzer erneuert. Dank der beiden großen Fensteröffnungen wird der Raum nun mit Licht geflutet. Eigentlich, so denkt man, hätte es die öffnung zur Straße hin gar nicht gebraucht. „Das ist das alte Scheunentor, dies sollte so von außen auch erkennbar bleiben“, erklärt der Architekt. Also habe man eine Stahl-Glastür eingesetzt und das äußere hölzerne Tor bewahrt und aufgearbeitet. Es wirkt wie ein riesiger Fensterladen.

DREWAG

Über eine schmale Treppe geht es in die erste Etage, in einen quadratischen niedrigen Raum, ins Bad und noch ein paar Stufen höher in das Lieblingszimmer des Bauherrn unterm spitzen Dach wie auch in eine Galerie. Badewanne und Dusche befinden sich unter schweren Holzbalken. Da bringen die hellgrauen Fliesen und die blütenweiße Sanitärkeramik etwas Leichtigkeit in den Raum. Die Dusche ist übrigens ebenerdig – und damit das einzig Barrierefreie im verwinkelten und gestuften Innenleben des Hauses. „Ein Haus mit Charakter“, nennt es sein Besitzer. „Das Bauernhaus ist als solches noch gut erkennbar, wurde aber an heutige Bedürfnisse angepasst.“ So wurde die Heizung schleifenförmig unter Putz verlegt, ein Umstand, der nasse Wände künftig nahezu unmöglich macht. Unter dem massiven Holzfußboden liegt zudem eine gute Dämmung. Gas- und Wasserzähler kamen in das einstige Gewölbe. Gleich neben dem Eingang führen Stufen hinab in den winzigen Raum, der ganz aus Bruchsteinen ist und aus dem eine Kühle kriecht, wie man sie von Weinkellern kennt.



„Also: An Problemen gab es alles, was es überhaupt geben kann bei einer Altbausanierung.“


Spuren des Pantoffelmachers

Vor fast zwei Jahren, in der Woche vor Pfingsten, erhielt Hendrik Heise die Baugenehmigung. Und als die Handwerker loslegten, blieb manch einer aus dem Ort stehen, um sich den Baufortschritt anzusehen. Einer brachte dem Bauherrn eine Chronik zum Haus. Hendrik Heise holt sie hervor. Das Gebäude sei immerhin knappe 200 Jahre alt, gebaut 1818 von armen Bauern. Diese hätten nebenan eine Streuobstplantage gehabt, „mit äpfeln und Kirschen“. Am Haus selbst befand sich ein kleiner Stall. In den 1950er-Jahren kam dann der Anbau dran. 340 Taler zahlte ein Herr Süsse Mitte des 19. Jahrhunderts für das Anwesen. Anfang des 20. Jahrhunderts erwirbt es ein Handwerker und richtet sich eine Holzpantoffelwerkstatt darin ein. „Werkbank und Hobel haben wir noch hier drin gefunden“, erzählt Hendrik Heise, „leider viel zu kaputt, um sie zu erhalten.“ Das Haus aber hat nun dank des neuen Besitzers überlebt und kann im nächsten Jahr somit eine 200-jährige Bestehensgeschichte vorweisen.  Thessa Wolf
DRESDENER AUTO AG - Renault Vertragspartner