erweiterte Suche
sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung

Ein Grossputz, viele Preise

Die professionelle Zahnreinigung gilt als sinnvolle Vorsorge, ist aber eine reine Privatleistung. Die Kosten sind unterschiedlich. Viele Kassen beteiligen sich daran. 

Image №1
Sieht doch gut aus: Gisela Herold prüft bei Gabriele Haase, welche Zähne einen Großputz benötigen. Foto: Ronald Bonss

VON STEFFEN KLAMETH

Zahnarzt? Für Gabriele Haase hat das Wort seinen Schrecken verloren – und das, obwohl sie einige Jahre unter einer heftigen Zahnfleischentzündung litt. Doch die ist inzwischen behoben – und auch nie wiedergekehrt. „Ich gehe zweimal im Jahr zur Professionellen Zahnreinigung, seitdem habe ich Ruhe“, berichtet die 63-jährige Friseurmeisterin aus Leipzig.

Dr. Gisela Herold kennt die Professionelle Reinigung aus einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab. „Als ich 1973 in der Leipziger Uniklinik anfing, gab es dort bereits ein Gerät zur Ultraschallzahnreinigung“, erinnert sie sich. Heute arbeitet sie noch zwei Tage in einer Leipziger Praxis und ist als Gutachterin für die Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen tätig. Die Professionelle Zahnreinigung (PZR) hält sie neben der richtigen Mundhygiene für die wichtigste Vorsorge, die man seinen Zähnen angedeihen lassen kann: „Irgendwann kommt der Punkt, dass ein Zahn nicht mehr zu retten ist – mit der PZR können Sie diesen Zeitpunkt weit in die Zukunft verschieben oder sogar ganz vermeiden.“

DAS PROBLEM: Im Mund tummeln sich Millionen von Bakterien, die sich im Laufe der Zeit ablagern und die Zähne attackieren – Karies ist die Folge. Außerdem kann es zu Entzündungen des Zahnhalteapparates kommen, die sich auf den gesamten Körper auswirken. Studien belegen, dass sowohl Karies als auch Parodontitis in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Für Zahnärzte ist das auch ein Beweis für den Nutzen der PZR.

Wissenschaftlich lässt sich das allerdings bislang nicht belegen. Nach Recherchen des IGeL-Monitors der Krankenkassen gibt es bislang nur eine verwertbare Studie zu diesem Thema, an der in den Jahren 2003 bis 2007 insgesamt 400 junge Erwachsene teilgenommen hatten – mit dem Ergebnis, „dass offenbar sogar allein eine jährliche Anleitung zur richtigen Zahnpflege ohne professionelle Zahnreinigung dazu führt, dass das Gebiss besser gepflegt wird und weniger Zahnfleischentzündungen auftreten.“ In jedem Fall sei dies besser als nur die jährliche Kontrolluntersuchung.

DIE BEHANDLUNG: Der erste Befund – und die Empfehlung zur PZR – müsse immer vom Zahnarzt kommen, betont Gisela Herold. Die Reinigung selbst könne er einer Prophylaxehelferin übertragen. Die Fachkräfte müssen dafür eine zweijährige Weiterbildung bei der Zahnärztekammer absolvieren.

Vor Beginn der Reinigung wird geprüft, ob das Zahnfleisch zu Blutungen neigt oder ob sich Beläge auch unterm Zahnfleisch abgesetzt haben. Beides erfordert besondere Vorsicht beim Großputz. Die Reinigung erfolge nach dem Prinzip „von grob nach fein“, erläutert Dr. Herold. Das heißt: Zuerst werden harte Ablagerungen entfernt, danach die weichen, die sich vor allem in den Zahnzwischenräumen eingenistet haben. Politur, Fluorodierung und Beratung schließen die Behandlung ab. Das Ganze dauert meist zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Manchmal sei zur Nachpolitur auch eine zweite Sitzung nötig. „Bei sehr guter häuslicher Mundhygiene und ohne Auffälligkeiten genügt es, wenn man einmal im Jahr zur PZR geht – manche Patienten kommen aber auch jedes Vierteljahr.


Praxis für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Friederike Beger


Manche Praxen machten die PZR sogar zur Bedingung für eine Behandlung, weiß die Leipziger Zahnärztin. Dies sei zwar legitim, aber nicht in Ordnung, meint sie. Wenn Patienten die PZR nur aus ästhetischen Gründen wünschten, sei nichts dagegen einzuwenden. Zuallererst handele es sich dabei aber um eine „medizinisch notwendige Handlung.“

DIE KOMPLIKATIONEN: „Früher führte der Einsatz von Pulverstrahlgeräten auch zum Verlust von Zahnsubstanz“, erklärt Dr. Herold. Dies sei heute nicht mehr der Fall, wenn technisch alles sauber verlaufe. „Unsere Prophylaxeschwestern nutzen das Gerät nur punktuell und nur mit feinem Pulver.“ Manche Patienten empfinden bei der Reinigung ein unangenehmes Gefühl. Wer besonders sensibel sei, könne auch eine lokale Anästhesie erhalten. Gelegentlich komme es zu Zahnfleischbluten. Das ist laut Dr. Herold aber unbedenklich und klinge rasch ab. „Viel hängt vom Geschick des Zahnarztes bzw. der Schwester ab.“

DIE KOSTEN: Die gesetzlichen Kassen zahlen einmal jährlich die Entfernung von Zahnstein. Die PZR ist eine reine Privatleistung und wird nach der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) abgerechnet. Danach kostet jeder Zahn 1,57 Euro. Bei durchschnittlichem Aufwand darf der Zahnarzt mit dem Steigerungsfaktor 2,3 berechnen, was 3,62 Euro pro Zahn ergibt. Ist die Behandlung besonders kompliziert – etwa bei Patienten mit starken Blutungen und solchen mit Behinderung – ist auch ein Steigerungsfaktor von 3,5 erlaubt – macht laut GOZ 5,51 Euro pro Zahn. Aus diesem Grund ist der Preis für die PZR immer individuell. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung sieht 80 bis 120 Euro als realistisch an. Pauschalpreise sind laut Dr. Herold nicht erlaubt. Sparfüchse können zwei Termine bei ihrem Zahnarzt vereinbaren: Beim ersten wird – auf Kassenkosten – der Zahnstein entfernt, beim zweiten dann die PZR durchgeführt. Der Zahnarzt müsste für die PZR dann einen niedrigeren Steigerungsfaktor ansetzen. Ob er es tatsächlich macht, ist eine andere Frage.

Mehr als zwei Drittel aller gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich auf freiwilliger Basis an den PZR-Kosten. Die Höhe und die Art des Zuschusses sind von Kasse zu Kasse verschieden. AOK Plus und IKK classic überweisen das Geld (40 Euro pro Jahr) beispielsweise auf Antrag, bei Barmer GEK und TK ist der Zuschuss (50 Euro pro Jahr) Bestandteil des Bonusprogramms. Versicherte der DAK-Gesundheit bekommen die PZR sogar zweimal jährlich zum Festpreis von 58 Euro. Allerdings nur, wenn sie einen Zahnarzt aufsuchen, der dem Netzwerk DAKdent-net angehört – und davon gibt es selbst in der Landeshauptstadt Dresden gerade mal vier. Dr. Gisela Herold steht solchen Netzwerken skeptisch gegenüber: „Hier wird das Vertrauen der Patienten zu ihrem Zahnarzt unnötig aufs Spiel gesetzt.“


Zahnarztpraxis Dr. Christine Lonnstrom - Dental Clinic