erweiterte Suche
sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung

Er ließ nichts, wie es war

Unternehmer Ernst Lieb kümmerte sich im Westen um Schwererziehbare. 1991 stieg er im Osten beim ehemaligen VEB Kombinat Textima in Neugersdorf ein. Heute arbeitet  seine Maschinenbaufirma für Daimler und BMW.

Image №3
Ernst Lieb testete erst mal die Sachsen, bevor er hier investierte. Foto: Amac Garbe
Die Situation war nicht gerade hoffnungsvoll. Von ehemals 1 000 Mitarbeitern desfrüheren VEB Kombinats Textima in Neugersdorf waren 1991 nach der Übernahme durch die Treuhand gerade einmal 37 übrig geblieben. Damit diese ihre Arbeit nicht auch noch verlieren, wurde ein Käufer gesucht. Und das möglichst schnell. In diesen bewegten Zeiten, in denen viele Geschäftsleute aus Westdeutschland in den Osten kamen, um die Goldgräberstimmung zu nutzen, verschlug es auch den niedersächsischen Maschinenbaumeister Ernst Lieb in die Region. Allerdings war der zunächst rein privat unterwegs und hatte eigentlich gar keine Absicht, einen Betrieb zu übernehmen.

Gute Kontakte zu VW haben auf jeden Fall geholfen

„Ich bin in erster Linie nach Neugersdorf gekommen, weil mir ein Kollege seine Heimat zeigen wollte“, sagt Lieb. Doch auch wenn das der Hauptzweck der Reise war und er sich zunächst die Stadt und die malerische Natur angesehen hat, packte ihn vor Ort dann doch die Neugier, und er stattete dem verkehrstechnischen Kombinat in Löbau und Textima in Neugersdorf einen Besuch ab. Während ihm bei ersterem Betrieb vor allem die veralteten Anlagen auffielen, entwickelte er für die Textilmaschinenfirma schnell Begeisterung. „Es gab dort bereits CNC-Maschinen und außerdem jede Menge gut ausgebildete Facharbeiter“, denkt der 62-Jährige an den Moment zurück.

Lieb, der damals für die Diakonie in Wolfsburg arbeitete und dort mit schwer erziehbaren Jugendlichen Teile für die Autofertigung bei Volkswagen herstellte, konnte den Neugersdorfer Betrieb auch nach seiner Rückkehr nicht mehr vergessen. In ihm reifte der Wunsch, das sichere Angestelltenverhältnis zu verlassen und Unternehmer zu werden. Das fachliche Rüstzeug dazu hatte er jedenfalls. Denn während seiner 13 Jahre bei der Diakonie war er nicht nur im technischen Bereich tätig, sondern sammelte auch Erfahrungen in Einkauf, Vertrieb und Mitarbeiterführung.

„Für Frauen fehlen noch immer qualifizierte Arbeitsplätze. In Neugersdorf können sie nur Friseurin, Verkäuferin oder Altenpflegerin werden. Das reicht doch nicht.“

Um nicht die Katze im Sack zu kaufen, testete er den früheren volkseigenen Betrieb erst einmal auf Herz und Nieren. „Ich habe einige Teile anfertigen lassen, die wir in Wolfsburg benötigten, und war mit dem Ergebnis durchaus zufrieden“, so Lieb. Ab diesem Zeitpunkt stand seine Entscheidung fest: Gemeinsam mit einem Geschäftspartner stieg der Niedersachse bei Textima ein. Mithilfe von Bankkrediten und Fördergeldern kauften und modernisierten sie den Betrieb für 20 Millionen D-Mark, der jetzt den Namen MBN Sachsen trug.

Eine Zeit lang stellte die Oberlausitzer Firma anschließend noch wie gewohnt Maschinen für die Textilindustrie her, bis sich das nicht mehr lohnte und Lieb sich mit seinem Kompagnon etwas anderes überlegen musste. Dabei kam etwas ins Spiel, das für Lieb noch wichtiger war als sein großes Fachwissen: gute Kontakte zu Volkswagen in Wolfsburg. „In der Anfangszeit mussten wir als neue Firma aus dem Osten ja erst Vertrauen aufbauen und uns bei kleineren Aufträgen beweisen. Um trotzdem genügend zu tun zu haben, waren meine Kontakte zu VW von Vorteil“, sagt Lieb, der MBN Sachsen ab diesem Zeitpunkt als Anlagenbauer für Fertigungsstrecken der Autoindustrie positionierte. Seit 1994 tat er dies allerdings nicht mehr mit seinem ursprünglichen Partner, weil dieser ausgestiegen war, sondern gemeinsam mit zwei langjährigen Mitarbeitern, die er am Unternehmen beteiligte. Nach verschiedenen kleineren Aufträgen gelang dann 1997 mit einem Auftrag über 3,5 Millionen Deutsche Mark für die argentinische Firma Autolatina, die gemeinsam von VW und Ford ins Leben gerufen wurde, schließlich der Durchbruch. „Wir haben nach Argentinien Plattformen verkauft, mit denen die Karosse und das Fahrzeug innerhalb der Fabrik transportiert werden können. Dieser Auftrag war für uns ein Quantensprung“, sagt Lieb. Ähnlich erfolgreich ging es auch danach weiter.

Unter anderem konnte der Unternehmer den prestigeträchtigen Auftrag für die Ausstattung der neu errichteten VW-Manufaktur in Dresden an Land ziehen, und auch andere große Autohersteller wie Daimler und BMW entdeckten den Betrieb aus der Lausitz auf einmal für sich. Diese positive Entwicklung spiegelte sich auch in den Mitarbeiterzahlen wider. Bis zum Jahr 2000 stieg deren Zahl auf 120 an. Gegenwärtig beschäftigt MBN 270 Mitarbeiter, davon 50 Azubis. Spätestens seit dem Argentinienauftrag wurde zudem die westdeutsche Finanzelite auf den Mittelständler aus der Oberlausitz aufmerksam. „Zum ersten Mal haben sich Großbanken bei uns gemeldet, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Vorher war die Sparkasse unser einziger Partner“, so Lieb.

Notstand Kindergarten

Trotz seines eng getakteten Terminkalenders hatte der emsige Unternehmer stets nicht nur einen Blick für seine Firma, sondern auch für die Entwicklungen im Ort. Das wurde zum Beispiel deutlich, als dringend eine Kita gebraucht wurde. Anstatt lange auf den Staat zu warten, schritt Lieb lieber selbst zur Tat. „Es gab einen Notstand. Deshalb habe ich das für eine gute Idee gehalten.“ Außerdem sei das auch im Interesse seines Betriebes gewesen, sagt der 62-Jährige. Auf ähnliche Weise baute er 84 Mietwohnungen, eine Tagespflegeeinrichtung und sogar ein Sport- und Rehazentrum mit Saunalandschaft. Alles bestens in Neugersdorf, könnte man also ohne Weiteres meinen. Doch auch wenn das grundsätzlich stimmt, gibt es einen Wermutstropfen. „Problematisch ist, dass es zu wenig qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen gibt. Etwa 300 fehlen im Oberland.“ Außerhalb von Berufen wie Friseurin, Verkäuferin oder Altenpflegerin sei es schwer, etwas zu finden, so Lieb. Stephan Hönigschmid