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Sonderveröffentlichung

Die Verwandtschaft der Tiere

Der Oberlausitzer Forscher Willi Hennig entwickelte ein System, um die Theorien zur Entstehung der Arten zu überprüfen. Doch erst als er auf Englisch publizierte, erlangte er Weltruhm.

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Willi Xylander im Görlitzer Naturkundemuseums, wo er als Direktor arbeitet. Alles begann für ihn mit einem Fehler. Foto: Amac Garbe
Willi Xylander wandelte bereits früh auf den Spuren des Dürrhennersdorfer Naturforschers Willi Hennig. Ganz unbewusst entdeckte der heutige Direktor des Görlitzer Naturkundemuseums ihn schon am ersten Tag seines Studiums. „Als ich 1977 in Göttingen angefangen habe, Biologie zu studieren, bin ich aus Versehen in die falsche Vorlesung gegangen. Mein späterer Doktorvater Peter Ax erzählte dort über Willi Hennig und seine Phylogenetische Systematik“, erinnert sich der 61-Jährige. Obwohl das erst der Stoff für das dritte Semester gewesen sei, war er sofort fasziniert. „Das waren so klare, logische Prinzipien, dass mich das Thema nicht mehr losgelassen hat. Am Ende hat mich Willi Hennig mein gesamtes berufliches Leben begleitet“, sagt Xylander.

Die Entwicklung unseres Lebens ist nicht statisch

Stellt sich die Frage, was das Besondere an den von Hennig 1950 in seinem Werk „Grundzüge einer Theorie der Phylogenetischen Systematik“ aufgestellten Prinzipien ist, die ihn nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit bekannt gemacht haben? „Das große Verdienst von Hennig war es, dass man die Theorien zur Entstehung der Arten ab diesem Zeitpunkt anhand von Hypothesen und Kriterien überprüfen konnte. Das war ein riesiger Schritt.“ Vorher habe lediglich die Systematik nach Carl von Linné existiert, die Tiere und Pflanzen seit 1758 nach ihrem äußeren Erscheinungsbild ordnete und die Schöpfung als von Gott gegeben ansah.

„Das war quasi ein statisches Schubladensystem, das Organismen anhand allgemeiner Merkmale klassifizierte“, erklärt Xylander und fügt an: „Die Entwicklung des Lebens ist jedoch dynamisch, Arten verändern und spalten sich auf, wie wir spätestens seit der von Charles Darwin 1859 aufgestellten Evolutionstheorie wissen. Und die Systematik bildete diese Veränderlichkeit nicht ab, bis sie Willi Hennig entwickelt hat.“

Anstatt nur nach der Ähnlichkeit zu schauen, berücksichtigte Hennig die Verwandtschaftsverhältnisse und die Neubildung von Merkmalen, die für neue Arten charakteristisch sind und die sie von ihren Verwandten unterscheiden. Und diese Neubildungen von Merkmalen helfen, die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Organismen zu erkennen.

Dass der 1913 in der Oberlausitz geborene Willi Hennig einmal derart berühmt werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil. „Trotz seiner Intelligenz hatte er aufgrund seiner Herkunft eigentlich kaum eine Chance auf höhere Bildung. Dass es am Ende trotzdem geklappt hat, hing von einer Reihe glücklicher Zufälle und dem Engagement seiner Mutter ab“, sagt der Museumsdirektor.

Weil Hennigs Mutter Emma, die als Dienstmädchen arbeitete, sehr an einer guten Bildung ihres Sohnes interessiert war, besorgte sie unter anderem abgelegte Bücher von reichen Leuten aus Oppach, damit er lesen konnte. „Außerdem bekam sie mit, als die Tochter eines reichen Fabrikanten nicht aufs Lyzeum nach Löbau gehen wollte und deshalb von dem früheren Arzt Dr. Seifert unterrichtet wurde.

Für ein wenig Geld durfte auch Willi zwei Mal die Woche an diesem Sonderunterricht teilnehmen und so die Fremdsprachen lernen, die er für seine Aufnahmeprüfung ins Gymnasium brauchte“, so Xylander.

„Das große Verdienst von Hennig war es, dass er mit dem Schubladensystem brach. Er berücksichtigte ab sofort die Verwandtschaft der Tiere und was sie von anderen unterscheidet.“

Ohne dass sie es zu diesem Zeitpunkt wusste, schaffte die Mutter ihrem Sohn auf diese Weise die Möglichkeit, die 1927 ins Leben gerufene Landesschule in Dresden-Klotzsche besuchen zu können. Dabei handelte es sich um ein Gymnasium, in dem hochbegabte Landeskinder kostenfrei Schulunterricht und eine Unterkunft erhielten. „Das war für Willi Hennig ein Glücksfall, weil er trotz seiner hervorragenden Leistungen sonst nicht das Geld gehabt hätte, auf das Gymnasium zu gehen.“

Erst die Prüfung, dann ein großes Unglück

Bevor es losgehen konnte, musste Hennig jedoch eine Aufnahmeprüfung absolvieren, die er zum Glück mit Bravour bestand. Als Mutter und Sohn an dem Tag nach Hause zurückkehrten, wurde die Freude allerdings schnell getrübt. Denn nur wenige Stunden zuvor war die im Haushalt lebende Großmutter tödlich verunglückt. Wäre dieses Unglück nur einen Tag früher passiert, hätte Willi Hennig wohl nicht an der Prüfung teilnehmen können.

Schließlich klappte aber alles, und Hennig legt 1932 sogar vorzeitig das Abitur ab. Danach folgte ein Studium der Zoologie, Botanik und Geologie an der Universität Leipzig, bevor er als Infanterist im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde.

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Als Mitglied eines Malaria-Lehrtrupps in Italien geriet er im Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft. „Interessanterweise hat er mitten in dieser entbehrungsreichen Zeit seine Phylogenetische Systematik zum ersten Mal zu Papier gebracht“, sagt Xylander und ergänzt: „Weil er die Arbeit schon im Kopf hatte, konnte er seine Theorie von der ersten bis zur letzten Seite mit minimalen Korrekturen aufschreiben.“

1950 publizierte er seine Arbeit. Aber sie fand zunächst kaum Beachtung. Erst als der amerikanische Wirbeltierkundler Dwight Davis seinen deutschen Kollegen 1960 ermunterte, doch auch in englischer Sprache zu publizieren, änderte sich dies.

Und so erschien Hennigs Hauptwerk 1966 unter dem Titel „Phylogenetic Systematics“ und brachte dem nach dem Mauerbau 1961 nach Westdeutschland übergesiedelten Wissenschaftler die Anerkennung, die bis zum heutigen Tag mit seinem Namen in Verbindung gebracht wird. Stephan Hönigschmid