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Sonderveröffentlichung
26.05.2017

Vom Westen zurück in die Heimat

Torsten Hölzel gründete seine Firma mit seinem Bruder in einer Garage. Heute beschäftigt das Unternehmen ATN Oppach weltweit 400 Mitarbeiter.

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Torsten Hölzel in seinem Unternehmen für Klebetechnologie Foto: Carmen Schumann
Die Geschichte von ATN Oppach ist eine Geschichte des unaufhörlichen Wachstums. Mit einem Mitarbeiter gründete Torsten Hölzel 1999 das Unternehmen. Zum Ende desselben Jahres hatte er bereits zehn Mitstreiter. Und heute beschäftigt die Firma allein am Standort in Oppach 305 Kollegen. Weltweit sind es knapp 400. Denn es gibt Niederlassungen in China, den USA, Brasilien und Spanien. Das Erfolgsrezept basiert auf der Anwendung der industriellen Klebetechnologie für die Automobilindustrie und deren ständige Weiterentwicklung. „Anfangs waren wir ein kleiner Lieferant und haben eine Nische bedient“, sagt Torsten Hölzel. Er habe aber das Gefühl gehabt, wachsen zu müssen, um auf Augenhöhe mit den Konkurrenten, den großen Konzernen, zu kommen. „Wir können nur mit Qualität und Engagement auftrumpfen“, sagt er. Er sei in der glücklichen Lage, immer wieder gute und hochmotivierte Mitarbeiter zu haben.

Der Geist, nicht stehenzubleiben, sich an immer Neues heranzuwagen, lebe in der Firma. So wurde das Spektrum der Automatisierungstechnologien immer weiter ausgeweitet. Dazu würden hochqualifizierte Ingenieure und Facharbeiter gebraucht, die man sich größtenteils selbst heranzieht. So gibt es für die derzeit 30 Lehrlinge einen eigenen Ausbildungsverantwortlichen. Für das neue Lehrjahr 2017/18 werden wieder mindestens zwölf neue Lehrlinge eingestellt.

Die Firma ATN kooperiert im Bildungsbereich mit dem Geschwister- Scholl-Gymnasium Löbau, der Hochschule Görlitz/Zittau, der Berufsakademie und dem Berufsschulzentrum Bautzen. Zielstellung ist hier, frühzeitig eine Verknüpfung von schulischer Bildung und beruflicher Perspektive zu erzielen und dies im höheren Bildungsbereich auch mit Forschungsprojekten zu untersetzen. Aber auch darüber hinaus beinhalten die Kooperationen verschiedene Projekte, welche zu einer fachliche Qualifizierung von Schülern und einem attraktiven Bildungs- und Berufsangebot in der Region beitragen sollen. Und sogar der örtliche Kinderhort war kürzlich hier, um bei den Kleinen die Begeisterung und Neugier auf einen technischen Arbeitsplatz zu wecken.

Mittlerweile ist Torsten Hölzel froh, die Verantwortung auf breitere Schultern verlagern zu können. „Bis 2008 gab es für mich eigentlich nur die Arbeit“, sagt er und empfindet Hochachtung für seine Frau, die immer an seiner Seite stand. Alles allein zu stemmen, sei nicht mehr zu schaffen. Torsten Hölzel hat Kompetenzen abgegeben, indem er eine zweite Leitungsebene schuf. Er lobt seinen zweiten Geschäftsführer Markus Mirtschink, der ihm viel abnimmt. „Es gibt aber auch viele Abteilungsleiter, auf die ich gerne höre“, sagt er. Man solle nämlich nicht glauben, dass man nur selbst der Schlaue sei. „In der Spezialisierung gibt es welche, die schlauer sind“, gibt er neidlos zu. Wichtig sei es doch, gemeinsam eine gute Richtung einzuschlagen.

"Anfangs waren wir ein kleiner Lieferant und haben eine Nische bedient.“

Die durch seine Strategie des gemeinsamen Mittragens gewonnenen Freiräume nutzt Torsten Hölzel, um seiner Leidenschaft fürs Reisen zu frönen oder um sich zu Fuß oder mit dem Mountainbike in der Natur zu bewegen. „Ich bin ein überzeugter Europäer“, sagt Torsten Hölzel. Denn nur das geeinte Europa habe weitere Kriege und Zerstörungen unter den Völkern des Kontinents verhindert.

Das Gefühl des Eingesperrtseins und der fehlenden Chancen hatte den gebürtigen Cottbusser Mitte der 80er-Jahre zur Republikflucht getrieben. Dafür saß er von 1984 bis 1986 im Gefängnis. 1988 wurde ihm die Ausreise gewährt. Der gelernte BMSR-Techniker ließ sich in Pforzheim nieder und absolvierte in Stuttgart eine Umschulung zum Energie- und Anlagen- Elektroniker. Von 1991 bis 1993 arbeitete er bei der Firma Maschinen- und Anlagenbau Pforzheim, wo er zum ersten Mal mit der industriellen Klebetechnologie für die Autoindustrie in Berührung kam.

1993 gründete er mit seinem Bruder seine erste eigene Firma in einer Garage. Diese war der Grundstein für die spätere ATN. Irgendwann machte er die Bekanntschaft mit Ernst Lieb, der in Neugersdorf auf dem Gelände der früheren Textilfabriken die MBN Maschinenbaubetriebe gegründet hatte. Torsten Hölzel nahm sein Angebot an, auf den Flächen des Unternehmens in etwas Eigenes zu investieren. Ein halbes Jahr schwamm Torsten Hölzel gegen den Strom, indem er von West nach Ost pendelte. Doch als sich abzeichnete, dass sein Unternehmen in der Oberlausitz eine gute Entwicklung nehmen würde, entschied sich Torsten Hölzel in Absprache mit dem Familienrat, in die Lausitz zurückzukehren. Im Sommer 1999 war die Familie dann wieder vereint.

Dank der Unterstützung durch die Gemeinde Oppach wurde ab 2007 am Standort Wassergrund neu gebaut. 2008 erfolgte der Umzug nach Oppach, und 2014 verdoppelte sich durch den Neubau des Verwaltungsgebäudes und einer Montagehalle die Betriebsfläche nahezu. Und ein Ende des Baugeschehens ist noch nicht abzusehen.

Mittlerweile ist Torsten Hölzel stolz, dass seine Söhne sich anschicken, im Familienunternehmen kräftig mitzumischen. Während die 19-jährige Tochter noch zur Schule geht, ist der 28-jährige Thomas seit 2015 Manager der Niederlassung in Tennessee. Er hatte von Anfang an im väterlichen Betrieb gearbeitet und eine kombinierte Ingenieur- Ausbildung absolviert. Der 20-jährige Martin hat bei MBN seine Lehre als Mechatroniker erfolgreich abgeschlossen und arbeitet zurzeit in der Niederlassung in Shanghai. „Es war mein großer Wunsch, das weiterzugeben, was wir aufgebaut haben, um das Familienunternehmen ATN in eine gute Zukunft zu führen“, sagt Torsten Hölzel. Dies sei ja auch im Sinne aller Mitarbeiter. Carmen Schumann