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Sonderveröffentlichung
31.05.2017

Aneurysmen – eine stumme Gefahr

Dr. med. Hans-Joachim Florek, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie an den HELIOS Weißeritztal-Kliniken in Freital, über die Gefäßerkrankung, deren Ursachen und die Behandlungsmöglichkeiten

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Foto: www.fotolia.com © Henrie
Was ist ein Aneurysma und wo kann es auftreten?

Unter einem Aneurysma versteht man eine örtlich begrenzte, krankhafte Ausdehnung einer Arterie. Im betreffenden Gefäßabschnitt bildet sich eine Erweiterung, die sackförmig aussieht und dauerhaft bestehen bleibt. In den meisten Fällen ist die Hauptschlagader des Bauches betroffen. Dann spricht man von einem Bauchaortenaneurysma. Auch wenn circa 90 Prozent aller Aneurysmen dort lokalisiert sind, können sie aber prinzipiell überall im Körper auftreten, so an der Brustschlagader, an den Hirngefäßen, in den Kniekehlen, an den Beinvenen oder an der Herzwand, meist nach einem Herzinfarkt.

Ein Aneurysma entwickelt sich durch eine Strukturveränderung in der Gefäßwand. Da diese normalerweise elastisch ist, kommt es zu der Ausdehnung, die mit der Zeit immer mehr zunehmen kann. Je größer der Durchmesser wird, umso höher wird die Wandspannung, und damit steigt die Gefahr, dass die Gefäßwand reißt. Bei einem solchen Riss kann der Betroffene innerlich verbluten.

Ab dem Sommer gibt es eine neue Screening- Möglichkeit beim Hausarzt.
Welche Risikofaktoren begünstigen die Entstehung?

Die Schädigungen der Gefäßwand entstehen hauptsächlich als Folge der Arteriosklerose, umgangssprachlich auch „Arterienverkalkung“. Diese wiederum wird durch Rauchen, Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen wie Diabetes und einen hohen Cholesterinspiegel begünstigt – also durch unseren Lebensstil. Auch angeborene Fehlbildungen der Blutgefäße, spezielle Bindegewebsschwächen wie das Marfan-Syndrom und Verletzungen der Gefäßwand kommen infrage. Allerdings spielen die letztgenannten Ursachen zahlenmäßig nur eine untergeordnete Rolle.

Woran bemerkt man ein Aneurysma?

Das ist das Fatale: Diese potenziell lebensbedrohliche Erkrankung entsteht und verläuft fast immer ohne Symptome. Erst wenn die Erweiterung des Gefäßes so groß geworden ist, dass sie auf ein benachbartes inneres Organ drückt, können sich Schmerzen einstellen. Da die Betroffenen aber meist keinerlei Beschwerden haben, werden Aneurysmen vorwiegend als Zufallsbefund bei Routineuntersuchungen entdeckt. Bei sehr schlanken Menschen kann man ein Bauchaortenaneurysma beim Abtasten des Bauches fühlen; bei korpulenten Patienten klappt das nicht. Hier muss ein bildgebendes Verfahren eingesetzt werden. Im Sommer dieses Jahres wird übrigens eine neue Vorsorgeuntersuchung eingeführt, die man beim Hausarzt in Anspruch nehmen kann: ein Abtasten des Bauches sowie eine Ultraschalluntersuchung. Ansonsten gibt es einmal im Jahr bundesweit einen Screening- Tag, den sich vor allem Menschen vormerken sollten, die zur Risikogruppe gehören: insbesondere Männer über 65 Jahre, in deren Familien bereits Aneurysmen aufgetreten sind. Wenn jedoch ein Aneurysma einreißt, dann verursacht es massive Beschwerden: plötzliche, sehr heftige Schmerzen – in der Körperregion, wo sich die Gefäßaussackung befindet – und der Kreislauf ist stark beeinträchtigt. Dann besteht Lebensgefahr; der Betreffende muss sofort in eine Klinik und operiert werden.

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Dr. med. Hans-Joachim Florek, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie an den HELIOS Weißeritztal- Kliniken in Freital
Foto: HELIOS Weißeritztal-Kliniken
Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten aus?

Ein sehr kleines Aneurysma sollte in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden, um zu überwachen, ob es sich vergrößert. Ab einer bestimmten Größe sollte vorsorglich operiert werden, damit das Gefäß nicht reißt. Und natürlich sollte der Patient die Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht ausschalten. Die Schlagader im Bauch hat üblicherweise einen Durchmesser von 2 bis 2,5 Zentimeter. Fünf Zentimeter ist der Richtwert, ab dem eine Operation empfohlen wird. Grundsätzlich gibt es zwei Operations- Methoden, die in Abhängigkeit von der Lage und Größe des Aneurysmas zur Anwendung kommen können. Bei der „offenen“ Variante wird der Bauch an der betroffenen Stelle aufgeschnitten und an der erweiterten Gefäßpartie eine künstliche Ader eingenäht. Wir arbeiten hauptsächlich mit der endovaskulären Methode, die für die Patienten wesentlich weniger belastend ist, und setzen eine Stentprothese ein. Diese besteht aus einem Metallgitter, welches von einer Gefäßprothese umhüllt ist. Die Prothese wird in gefaltetem Zustand mit einem Katheter in die Leistenarterie eingeführt und bis zum Aneurysma vorgeschoben. Der Stent und seine Ummantelung entfalten sich dann in der Aussackung und trennen sie so vom Blutfluss. Dieses Verfahren erfordert, insbesondere bei großflächigen Aneurysmen, sehr viel Erfahrung seitens des Operateurs sowie gute technische Voraussetzungen im OP-Saal, da der Eingriff unter Röntgendurchleuchtung erfolgt. Danach muss der Patient zwar lebenslang mit regelmäßigen Ultraschall- oder CT-Aufnahmen überwacht werden, kann aber ansonsten ein normales Leben führen.

Gespräch: Sylvia Schmidt