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sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung
31.05.2017

Wenn das Herz tatsächlich bricht

Vor allem Frauen leiden unter dem Broken-Heart- Syndrom und reagieren auf Stress mit heftigen körperlichen Symptomen, die die Betroffenen sogar in Lebensgefahr bringen.

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Du hast mir das Herz gebrochen“ ist eine gängige Redewendung der deutschen Sprache, die sich vor allem in der Musik und Literatur großer Beliebtheit erfreut. Doch die Redewendung ist im medizinischen Kontext durchaus wörtlich zu nehmen, weiß Dr. Manja Reimann vom Autonomen und Neuroendokrinologischen Funktionslabor am Uniklinikum Dresden, die sich dem Phänomen des gebrochenen Herzens bereits seit Jahren widmet: „In 40 bis 70 Prozent der Fälle geht dem „Broken-Heart- Syndrom“ – der sogenannten Stress-Kardiomyopathie – eine emotional oder psychisch belastende Situation voraus, die körperliche Symptome auslöst. Das kann beispielsweise die Trennung vom Partner oder der Verlust eines geliebten Menschen sein“, erklärt die Forscherin. Das für die Erkrankung gebräuchliche Synonym Takotsubo- Syndrom beschreibt die im Herzecho dargestellte tonkrugartige Form der linken Herzkammer, die an eine japanische Tintenfischfalle (tako tsubo) erinnert. Typische Symptome ähneln denen eines Herzinfarktes und gehen mit akuten Schmerzen in der Herzregion einher, die in den Rücken und den linken Arm ausstrahlen. Atemnot und ein Engegefühl im Brustbereich entstehen. Aber anders als bei einem Herzinfarkt sind nicht verschlossene Gefäße für die Beschwerden verantwortlich, sondern vermutlich ein deutlicher Überschuss an Stresshormonen – die sogenannten Katecholamine.

Die Auslöser der Erkrankung sind noch unbekannt


Langzeitbeobachtungen konnten zeigen, dass die Betroffenen vor allem für Folgeerkrankungen des Gehirns oder des Herzens anfällig sind: „Obwohl sich die Herzfunktion bei den meisten Patienten innerhalb von Tagen normalisiert, entwickelt etwa jeder fünfte Patient während der ersten Tage nach dem Anfall ernste Komplikationen wie etwa einen Anriss der Herzkammer, die Bildung von Blutgerinnseln oder lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen. In seltenen Fällen kann die Erkrankung deshalb sogar zum Tod führen“, weiß die Wissenschaftlerin. Die Auslöser der Erkrankung sind nach wie vor unbekannt. Doch es gibt Risikogruppen: Rund 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen nach den Wechseljahren, wovon ein nicht unbeträchtlicher Anteil bereits einmal im Leben unter einer Depression oder Angststörung gelitten hat. „Wir vermuten, dass die Betroffenen ähnlich wie Patienten mit Angststörungen unter einem gestörten Stresshormon-Haushalt leiden, wodurch diese eine geringe Stressresistenz besitzen und sowohl körperlich als auch emotional verstärkt auf Stress reagieren. Die Folge ist eine stressbedingte Überlastung, die das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt und das Auftreten der Stress-Kardiomyopathie begünstigen kann“, erklärt Dr. Manja Reimann.

Rund 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen nach den Wechseljahren
Stressreaktionen werden in einer Studie untersucht

Um die Bedeutung von Stress in der Krankheitsentstehung genauer zu untersuchen, leitet die Wissenschaftlerin seit 2013 eine einzigartige Studie am Uniklinikum Dresden. Sie vergleicht die Stressreaktion von Patienten mit Stress-Kardiomyopathie im Rahmen von Belastungstests mit denen von gesunden Probanden und Panikpatienten. „Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass Patienten mit Stress-Kardiomyopathie eine ähnlich veränderte Stresshormonkonzentration nach einer akuten Belastungssituation im Blut aufweisen wie Patienten mit Panikstörung. Die verminderte Stressresistenz geht dabei vermutlich auf ein Zusammenspiel der Persönlichkeitsstruktur, der Stresswahrnehmung sowie des Stressbewältigungsverhaltens zurück. Bei vielen Patienten können wir Traumata feststellen, die aus der Kindheit und Jugendphase stammen und den Umgang mit Stress geprägt haben. Eine ungünstige Konstellation dieser Faktoren scheint die Stress-Kardiomyopathie auszulösen – doch wir sind auf weitere Studien angewiesen, um den Prozess genauer zu verstehen“, erläutert Dr. Manja Reimann.

Gerade diese Studien erfreuen sich unter Betroffenen großer Beliebtheit. „Viele Patienten melden sich – zum Teil auch aus anderen Bundesländern – mittlerweile initiativ für eine Teilnahme an den von uns angebotenen Stresstests, um mehr über ihre Erkrankung in Erfahrung zu bringen“, freut sich die Wissenschaftlerin. Denn viele der Betroffenen fühlen sich mit ihrer Erkrankung alleine gelassen und leben in der ständigen Angst, einen Rückfall zu erleiden. Dass eine psychologische Nachsorge mit dem Schwerpunkt Stress- und Krankheitsmanagement durchaus seine Berechtigung hat, zeigte eine kürzlich veröffentlichte Studie aus den USA, nach der Frauen mit Stress-Kardiomyopathie nach ihrer Entlassung ein schlechteres Krankheitsbewältigungsverhalten zeigten und schwerwiegendere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufwiesen als Überlebende eines Herzinfarktes.

Die Forscherin hofft deshalb, bis zum Ende ihrer Studie im Dezember 2017 weitere Mechanismen der Erkrankung zu entschlüsseln und den Betroffenen neue Therapien zu ermöglichen. Felix Koopmann