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Sonderveröffentlichung
31.05.2017

Atmen heißt Leben

Die Aufgabe der Lunge ist es, das Blut mit frischem Sauerstoff anzureichern und das Abfallprodukt Kohlendioxid aus dem Blut zu entfernen.

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Dr. med. Julia Aland hört den Brustkorb einer Patientin ab. Oft geben die Atemgeräusche schon erste Hinweise auf die Art einer Lungenerkrankung. 
Foto: Uwe Völkner
Ein gesunder Mensch atmet, ohne sich diesen Vorgang bewusst zu machen und darüber nachzudenken – scheinbar mühelos und automatisch. Erst wenn das Atemsystem erkrankt, schenken viele Betroffene der Lunge und ihrer lebensnotwendigen Aufgabe mehr Beachtung. „Vor allem Raucher muten diesem Organ viel zu, denn zwei sehr ernsthafte Erkrankungen – die COPD und der Lungenkrebs – gehen in der überwiegenden Zahl der Fälle auf das Konto des Nikotinkonsums“, sagt Dr. med. Julia Aland, Fachärztin für Innere Medizin am Diakonissenkrankenhaus Dresden.

Aber wie funktioniert eigentlich unser Atmungssystem?

Die Lunge gliedert sich in zwei Flügel, einen rechten und linken, die wiederum in die sogenannten Lungenlappen unterteilt sind. Sie befindet sich im Inneren des Brustkorbes und nimmt fast den gesamten Brustraum ein. Nach unten grenzt sie an das Zwerchfell und zur Körpermitte hin an die Region hinter dem Brustbein und an das Herz. Die Lunge besteht aus einem schwammartigen Gewebe, in dem sich die Atemwege von den Bronchien bis hin zu den Lungenbläschen in immer feinere Verästelungen aufteilen.

Beim Einatmen strömt die Luft durch Nase oder Mund, Rachen und Kehlkopf in die Luftröhre. Dabei wird sie erwärmt, befeuchtet und von kleinen Schmutzpartikeln gereinigt. Die Luftröhre ist ein etwa zehn bis zwölf Zentimeter langes und biegsames Rohr, das hinunter in den Brustraum führt und sich dort in zwei Hauptbronchien aufgabelt – eine für den rechten, eine für den linken Lungenflügel. Jeder Hauptbronchus teilt sich in immer kleinere Äste auf und mündet schließlich in kleine Lungenbläschen. Durch deren Wände hindurch findet der Gasaustausch statt: Hier wird Sauerstoff ins Blut aufgenommen und umgekehrt Kohlendioxid aus der Energieverwertung innerhalb der Körperzellen wieder an die Luft abgegeben. „Den Vorgang des Atmens kann man sich wie das Funktionieren eines Blasebalgs vorstellen“, erklärt Dr. Aland. „Beim Luftholen hebt die Muskulatur um den Brustkorb herum den Brustkorb an, während sich das Zwerchfell senkt. Die Lunge folgt den Bewegungen von Brustkorb sowie Zwerchfell und weitet sich – so strömt Luft in die Lunge hinein. Beim Ausatmen senkt sich der Brustkorb und das Zwerchfell erschlafft; dabei wird Luft aus der Lunge herausgedrückt.“

Ein rund 70 Kilogramm schwerer Erwachsener atmet im Ruhezustand etwa 15-mal pro Minute ein und aus. Bei jedem Atemzug strömt circa ein halber Liter Luft, sodass pro Tag mehr als 10 000 Liter zusammenkommen. Da jedoch die Muskulatur am Brustkorb diese Bewegungen bewerkstelligt und nicht die Lunge an sich, hat die Lunge kein wirklich anstrengendes Dasein – dafür leistet sie einen unersetzlichen Dienst. Mithilfe des Blutkreislaufs, der sie durchströmt, versorgt sie alle Körperzellen mit dem so lebenswichtigen Sauerstoff, ohne den etwa das Gehirn höchstens 10 Minuten überleben kann.

Welches sind die häufigsten Erkrankungen?

Erkrankungen des Atemsystems umfassen ein großes Spektrum an Krankheiten und sind hierzulande eine der häufigsten Anlässe für einen Arztbesuch. „Symptome, die im Rahmen einer Erkältung auftreten, wie etwa Halsschmerzen, gelegentlicher Husten und leichter Schnupfen, sind meist harmlos und klingen innerhalb kurzer Zeit von selbst ab“, erklärt Dr. Aland. „Etwa 90- 97 Prozent aller Infekte der oberen Atemwege werden durch Viren verursacht. Hier ist es nicht sinnvoll, ein Antibiotikum einzunehmen.“ Bei stärkerem und länger anhaltendem Husten können die Viren bereits die Schleimhäute der Bronchien angegriffen haben. Dann spricht man von einer Bronchitis. „Geht starker Husten jedoch mit Luftnot, Schmerzen und Fieber einher, kann die Lunge betroffen sein“, so die Ärztin. „Dies sollte man unbedingt vom Arzt abklären lassen.“ Um eine Lungenentzündung festzustellen, wird der Arzt zunächst Lunge und Herz abhorchen. Knisternde und rasselnde Atemgeräusche können oft schon auf eine Lungenentzündung hindeuten. Üblicherweise wird zusätzlich noch eine Röntgenaufnahme gemacht, bei der dann Schatten auf der Lunge auszumachen sind. „Eine Lungenentzündung wird meist durch Bakterien ausgelöst und zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Auch wenn sie gut behandelbar ist, kann sie bei kleinen Kindern, älteren Leuten und bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem einen schweren Verlauf haben und muss dann in einer Klinik therapiert werden, mit Antibiotika, Schonung, Inhalationen und gegebenenfalls mit Sauerstoffgabe.“

Zu den entzündlichen Erkrankungen der Atemwege gehört auch das Asthma bronchiale, eine chronische Erkrankung, die durch eine Verengung der Bronchien, Beklemmung in der Brust, Anfälle von Atemnot, Husten und pfeifende Atemgeräusche gekennzeichnet ist. Dabei gibt es zwei Hauptformen: das allergische und das nichtallergische Asthma. Beim allergischen Asthma zeigt das Immunsystem eine Überreaktion auf bestimmte äußere Reize wie etwa Pollen, Tierhaare oder Hausstaubmilben. Diese Form beginnt oft bereits im Kindesalter, während die nicht-allergische Variante häufig erst ab dem 30. Lebensjahr auftritt. „Asthma ist eine sehr variable Erkrankung, das heißt, viele Patienten haben auch längere Phasen, in denen sie völlig beschwerdefrei sind“, erläutert Dr. Aland. „Auch wenn Asthma nicht heilbar ist, lässt sich die Erkrankung gut behandeln. Dabei kommen vorwiegend zwei Gruppen von inhalierbaren Medikamenten zum Einsatz: die eine hilft, die Bronchien wieder zu erweitern, die andere – Kortison – hemmt die Entzündung. Dabei wird Kortison nicht nur im Akutfall eingesetzt, sondern auch langfristig, denn wenn man nichts gegen das Asthma unternimmt, verschlimmert sich die Krankheit im Laufe des Lebens.“ Bei einer Überempfindlichkeit auf bestimmte Allergieauslöser müsse man zudem den Kontakt zu diesen Allergenen so gut es geht vermeiden.

Bei einer akuten Lungenembolie hingegen ist eine Lungenarterie blockiert, also eines der Gefäße, über die das sauerstoffarme Blut vom Herzen in die Lunge gelangt. Ausgelöst wird eine Lungenembolie meist durch Blutgerinnsel, die zumeist in den Venen der Beine oder des Beckens entstehen, sich dort loslösen und nach oben wandern. „Verschließt ein solcher Pfropfen ein Gefäß, kann er meist mit einem blutverdünnenden Medikament wieder aufgelöst werden“, erläutert Dr. Aland. „Sind ein oder mehrere größere Lungengefäße betroffen, kann dies lebensbedrohlich werden. Deshalb sollte man bei Luftnot, Schmerzen im Brustkorb und Herzrasen unverzüglich einen Arzt aufsuchen.“

Die Ursachen für eine COPD liegen fast immer im Rauchen begründet
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Die „große“ Lungenfunktionsmessung in der pulmologischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses gibt Auskunft darüber, wie gut die Lunge arbeitet. Foto: Uwe Völkner
Hauptursache: Rauchen

Vergleichsweise unbekannt in der Bevölkerung, dabei ziemlich weit verbreitet, ist die COPD (engl: chronic obstructive pulmonary disease), die chronisch obstruktive Lungenerkrankung. „Oft wird die Erkrankung salopp mit ‚Raucherhusten‘ umschrieben“, sagt Dr. Aland. „Das ist so jedoch untertrieben, denn die COPD ist nicht nur ein chronischer Husten, sondern eine fortschreitende und nicht umkehrbare Zerstörung von Lungengewebe (Emphysem) und Verengung der Bronchien. Die Ursache hierfür ist in der westlichen Welt fast ausschließlich das Rauchen.“ Die COPD verläuft in einem schleichenden Prozess: Der anfangs meist nur morgens auftretende Husten wird von den Betroffenen vielfach nicht als Warnsignal ernst genommen. Im weiteren Verlauf werden die Patienten zunehmend weniger belastbar, immer anfälliger gegenüber Infekten, und die Luftnot nimmt langsam, aber stetig zu. „Die COPD ähnelt im Anfangsstadium einer Bronchitis. Der Unterschied lässt sich jedoch sehr leicht herausfinden“, so Dr. Aland. „Dafür kann man beim Hausarzt eine Spirometrie, einen relativ einfachen Funktionstest, machen lassen. Finden sich hierbei Auffälligkeiten, gibt eine „große“ Lungenfunktionsmessung beim Facharzt eine eindeutige Auskunft.“ Eine COPD ist nicht heilbar, aber die moderne Medizin kann mit Medikamenten den Verlauf günstig beeinflussen und zumindest das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. Denn eine unbeachtete COPD verringert durch die Atemnot nicht nur die Lebensqualität, sondern senkt auch die Lebenserwartung um mehrere Jahre. „Außerdem sollten die Betroffenen unbedingt mit dem Rauchen aufhören“, appelliert Dr. Aland. „Denn die Ursachen für eine COPD liegen fast immer im Rauchen begründet.“

Das Gleiche trifft auf den Lungenkrebs zu, wenngleich es natürlich auch andere Faktoren gibt. Das Tückische an der Erkrankung ist, dass Lungenkrebs in frühen Stadien nur selten Beschwerden hervorruft und erste Krankheitszeichen erst auftreten, wenn der Tumor bereits fortgeschritten ist. „Kleinere Tumore werden oft durch einen Zufall entdeckt“, erläutert Dr. Aland. „Etwa wenn die Lunge aus anderen Gründen geröntgt wird. Dann stehen zur Behandlung – je nach Größe und Lage des Tumors – wie bei jeder anderen Krebserkrankung eine Operation, die Bestrahlung, die Chemotherapie oder eine Kombination aus diesen Therapie-Bausteinen zur Verfügung. Allerdings sind die Erfolgsaussichten vergleichsweise geringer, da dieser Tumortyp meist sehr aggressiv verläuft.“ Sylvia Schmidt

Wichtig zu wissen

- Man muss nicht mit jeder Erkältung und jedem kurzzeitigen Husten gleich den Arzt aufsuchen.

- Klingt der Husten jedoch nicht ab und geht mit Schmerzen beim Atmen, Fieber oder Kurzatmigkeit einher, sollte man die Symptome vom Arzt abklären lassen. Verschiedenste Erkrankungen können dahinterstecken.

- Gar nicht zögern sollte man bei plötzlich auftretenden starken Schmerzen im Brustkorb, Bluthusten oder akuter Luftnot – dies sind Notfallsymptome, bei denen unverzüglich gehandelt werden muss.