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Sonderveröffentlichung
26.06.2017

„Das leidige Geschacher um Minuten entfällt“

Stefan Palmowski ist Autor eines Ratgebers zum Pflegegutachten. Vier wichtige Fragen an ihn.

Autor Stefan Palmowski. Foto: Verbraucherzentrale NRW
Autor Stefan Palmowski. Foto: Verbraucherzentrale NRW
Herr Palmowski, zum Jahresanfang sind die Pflegestärkungsgesetze in Kraft getreten. Was bedeutet das für das Pflegegutachten, das ja Grundlage für jede Leistung aus der Pflegekasse ist?

Die Definition von Pflegebedürftigkeit und damit auch das Verfahren zur Pflegebegutachtung haben sich grundlegend geändert. Es gibt nun fünf Pflegegrade anstelle von drei Pflegestufen, was zu einer bedarfsgerechteren Einstufung führen soll. In diesem Zusammenhang wurde auch die Begutachtung grundsätzlich überarbeitet: Mussten die Gutachter bislang ermitteln, wie viel Unterstützung eine pflegebedürftige Person in Minuten benötigt, geht es nun darum, zu prüfen, in welchen Bereichen die Selbstständigkeit noch vorhanden oder eben eingeschränkt ist. Das leidige Geschacher um einzelne Minuten entfällt.

Was können Betroffene tun, um sich auf einen Gutachter-Termin vorzubereiten?

Betroffene und ihre Angehörigen können sich anhand unserer Checkliste am besten schon vor dem Besuch des Gutachters anschauen, was für den Pflegegrad wichtig ist und worauf der Gutachter achtet. Sie können so vorab eine eigene Einschätzung der persönlichen Situation vornehmen und sich Notizen zu Besonderheiten im Pflegealltag machen. Das sorgt dafür, dass man bei der Begutachtung nichts Wichtiges vergisst, und hilft dabei, mit dem Gutachter auf Augenhöhe zu sprechen. Was ändert sich denn für die Zusammenarbeit mit der Pflegekasse? Beispielsweise wurden die Fristen konkretisiert. Neu ist zum Beispiel, dass die Kasse schon bei Antragstellung einen konkreten Termin oder einen Gutschein für eine Pflegeberatung innerhalb der nächsten zwei Wochen ausgeben muss. Innerhalb von zwei Wochen muss begutachtet werden, wenn die Pflegeperson eine kurze berufliche Auszeit – die sogenannte Pflegezeit oder Familienpflegezeit – angekündigt hat. Im Normalfall muss die Pflegekasse spätestens nach fünf Wochen entschieden haben. Hält sie die Frist nicht ein, gibt es eine Entschädigung für die Betroffenen: immerhin 70 Euro für jede Woche Verzögerung, allerdings erst ab 2018, da 2017 eine Übergangsregelung gilt.

Wenn der Bescheid dann kommt – was können Betroffene tun, die mit dem Ergebnis nicht einverstanden sind?

Der erste Schritt sollte ein fristwahrender Widerspruch an die Pflegekasse sein. Das geht ohne Anwalt und gibt Betroffenen die nötige Zeit, den Pflegebescheid und das zugrunde liegende Gutachten genau zu prüfen. Eine gute Vorbereitung und Dokumentation des Gutachterbesuchs können dabei helfen, Unstimmigkeiten und fehlende Details aufzudecken. Eventuell hat der Gutachter doch nicht alles so ins Gutachten aufgenommen, wie man zunächst gedacht hat, oder er hat wichtige Aspekte, die man ihm während der Begutachtung mitgeteilt hat, unter den Tisch fallen lassen. Je besser man dies nachvollziehen kann, umso genauer kann man einen Widerspruch begründen. Die Begründung des Widerspruchs schickt man dann ebenfalls an die Pflegekasse. Erst wenn dieser Widerspruch von der Pflegekasse schriftlich abgelehnt wurde, kann man vor dem Sozialgericht klagen. pm

Buchtipp

Das Pflegegutachten ist Grundlage für die Entscheidung über die Unterstützung aus der Pflegeversicherung. Betroffene und Angehörige sollten sich deshalb auf die Visite einer Gutachterin oder eines Gutachters gut vorbereiten.

Praktische Unterstützung dabei liefert der neue Ratgeber „Das Pflegegutachten – Antragstellung, Begutachtung, Bewilligung“ der Verbraucherzentrale NRW mit umfassender Checkliste. Der neue Ratgeber hat 152 Seiten und kostet 9,90 Euro, erhältlich im Netz unter www.ratgeber-verbraucherzentrale.de oder unter 0211 38 09-555, in den Beratungsstellen der Verbraucherzentralen und im Buchhandel.

www.ratgeber-verbraucherzentrale.de
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