erweiterte Suche
sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung
07.12.2017

„Der Darm ist gesund, wenn man ihn nicht merkt“

Dr. med. Jens-Uwe Erk, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Diakonissenkrankenhaus, über unser größtes Verdauungsorgan

Dr. med. Jens-Uwe Erk, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Diakonissenkrankenhaus Dresden, ist gemeinsam mit Dr. med. Thorsten Jacobi Leiter des Bauchzentrums Dresden und Vorstandsmitglied der Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie. - Eine Ultraschalluntersuchung ist neben der Endoskopie eine häufig angewandte Methode, um Darmproblemen auf den Grund zu gehen. Foto: Steffen Füssel
Dr. med. Jens-Uwe Erk, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Diakonissenkrankenhaus Dresden, ist gemeinsam mit Dr. med. Thorsten Jacobi Leiter des Bauchzentrums Dresden und Vorstandsmitglied der Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie. - Eine Ultraschalluntersuchung ist neben der Endoskopie eine häufig angewandte Methode, um Darmproblemen auf den Grund zu gehen. Foto: Steffen Füssel
Welche Rolle spielt der Darm im menschlichen Körper?

Der Darm übernimmt zahlreiche Aufgaben, die für die Gesundheit wichtig sind. Zum einen bildet er den Hauptteil des Verdauungssystems. Hier werden sämtliche Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, in ihre biologisch wertvollen Bestandteile zerlegt. Im Dünndarm, dem oberen Teil, werden mithilfe von Galle aus der Leber und Enzymen aus der Bauchspeicheldrüse Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette aufgespalten. Durch seine große Schleimhautoberfläche kann der Dünndarm Nährstoffe, Vitamine, Mineralien und Wasser in beträchtlichen Mengen aufnehmen und ins Blut abgeben, mit dem sie in alle Bereiche des Körpers transportiert werden. Schwere Darmerkrankungen erkennt man unter anderem auch daran, dass ebendiese Nährstoffe und Vitamine nicht mehr im Körper zur Verfügung stehen. Im sich anschließenden Dickdarm wird dem Nahrungsbrei weiter Wasser sowie Salz entzogen, er wird mit Schleim vermengt, sodass der nicht verwertbare Teil der Nahrung ausgeschieden werden kann.

Der Darm ist jedoch nicht nur für die Verdauung zuständig. Er produziert Hormone, ist mit seiner bakteriellen Flora an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt, eng mit der Psyche vernetzt und spielt eine Rolle beim Thema Allergien. Der Darm ist ein äußerst komplexes System. Wenn dieses perfekt zusammenspielt, spürt man ihn nicht – dann ist er gesund. Gerät das System Darm aber aus dem Gleichgewicht, macht er sich sehr deutlich bemerkbar.

Was sind die am häufigsten auftretenden Beschwerden?

Die häufigste Erkrankung ist das Reizdarmsyndrom, dessen Symptome von Patient zu Patient unterschiedlich ausfallen können. Die meisten Betroffenen leiden unter zum Teil krampfartigen Bauchschmerzen um den Nabel herum, unter Blähungen sowie einer Veränderung des Stuhlgangs hinsichtlich der Häufigkeit oder der Konsistenz. Das kann bei dem einen der Durchfall sein, beim anderen eine Verstopfung.

Der Darm ist nicht ausschließlich für die Verdauung zuständig

Foto: www.fotolia.com © Gennadiy Poznyakov
Foto: www.fotolia.com © Gennadiy Poznyakov
Der Reizdarm ist eine funktionelle Störung. Das heißt: Es lassen sich durch die herkömmlichen Untersuchungsmethoden Labor, Ultraschalldiagnostik und Endoskopie keine körperlichen Ursachen finden. Oftmals bessern sich die Beschwerden nach dem Gang zur Toilette – jedoch nur für eine begrenzte Zeit. Denn typisch für diese Störung ist, dass sie in Abständen immer wiederkehrt. Wenn die Beschwerden über 12 Wochen – verteilt über das gesamte Jahr – auftreten, dann spricht man vom Reizdarmsyndrom. Es beginnt häufig schon im Jugendalter und kann sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen. Außerdem können dem Reizdarmsyndrom funktionelle Störungen an anderen Organsystemen vorausgehen wie zum Beispiel Herzklopfen, Kopfschmerzen, ein Kloß im Hals oder depressive Verstimmungen.

Wo liegen die Ursachen?

Es gibt verschiedene Faktoren, die an der Entstehung eines Reizdarmsyndroms beteiligt sein können. Der Darm besitzt ein eigenes Nervensystem, was dazu führt, dass er besonders sensibel auf alle möglichen Reize mit Schmerzen, Krämpfen oder Stuhlunregelmäßigkeiten reagiert. Ebenso können sich seelische und emotionale Belastungen, Stress, Ärger und Kummer auf den Darm auswirken. Das bedeutet aber nicht, dass der Reizdarm eine psychische oder „eingebildete“ Erkrankung ist. Vielmehr besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Darm und dem vegetativen Nervensystem. Auch Infektionen und gestörte Abläufe in der Bewegung der Darmabschnitte kommen infrage.

Reichlich Bewegung und viel trinken – das ist nicht nur ein pauschaler Gesundheitstipp, sondern beides tut dem Darm gut

Wie kann die moderne Medizin helfen?

Zuerst einmal muss sich der Arzt sehr viel Zeit für eine gründliche Anamnese und den Ausschluss von organischen und körperlichen Ursachen nehmen. Er muss dem Patienten zuhören, ihn ernst nehmen und ihm Zuwendung schenken. Diese „kleine Psychotherapie“ ist sehr wichtig, denn viele Patienten haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Beschwerden nicht für voll genommen wurden, weil die apparativen Untersuchungen keine Ergebnisse gebracht haben. Eine „Standardtherapie“ gibt es beim Reizdarm nicht. Bei der Behandlung muss man symptomatisch vorgehen, je nachdem, welche Probleme der Patient hat. Gegen Durchfall, Verstopfung und Schmerzen stehen Medikamente zur Verfügung. Auch in der Naturheilkunde gibt es mehrere Ansätze. Das können pflanzliche Mittel mit Kümmel, Fenchel, Pfefferminzöl oder Anis sein, Mayr-Kuren oder eine probiotische Therapie. Alles, was die Beschwerden lindert, ist hilfreich. Hier muss der Patient ausprobieren, was ihm gut tut. Das trifft genauso auf Diäten zu. Denn was dem einen nützt, zeigt beim anderen oft keine Wirkung. Manche Patienten sprechen sehr gut auf glutenfreie Kost an, auch wenn sie keine Zöliakie haben, andere erreichen mit einer Histamin-Diät den gewünschten Erfolg. Was beim einzelnen Patienten hilft, ist vom Arzt oft nicht vorherzusagen. Man muss einfach testen und darf nicht gleich beim ersten Misserfolg aufgeben. Außerdem kann der Arzt nach einer versteckten Depression suchen, die sich oft durch Bauchschmerzen äußert: Schlafstörungen können dafür ein Indiz sein. Wer nachts regelmäßig munter wird, dann ein, zwei Stunden wach liegt und morgens nicht frisch und ausgeruht ist, wird schnell im privaten wie beruflichen Leben überfordert sein. In diesem Fall können auch Antidepressiva zum Einsatz kommen. Das Spektrum ist also weit gestreut.

Was kann jeder Einzelne tun, um darmgesund zu leben?

Ausgewogen und vernünftig leben. Diese allgemeine Aussage kann jeder für seine persönliche Situation konkretisieren. Wenn man zu Blähungen neigt, sollte man auf Zwiebeln, Lauch und Hülsenfrüchte wie Bohnen und Erbsen besser verzichten, statt sie zu essen und danach Tabletten aus der Apotheke zu nehmen. Wer keinen Alkohol verträgt, sollte ihn ganz weglassen. Generell empfehlenswert ist eine mediterrane Kost mit viel Gemüse, Fisch und Olivenöl. Auch Pasta ist ein gut bekömmliches Lebensmittel. Kontrovers diskutiert wird hingegen eine ballaststoffreiche Ernährung. Da Ballaststoffe Wasser aufnehmen und im Darm aufquellen, vergrößern sie das Stuhlvolumen. Hier sollte man sich vom Arzt beraten lassen, ob sie im konkreten Fall empfehlenswert sind. Außerdem sollte man regelmäßig essen und sich dafür Zeit nehmen. Reichlich Bewegung und viel trinken – das ist nicht nur ein pauschaler Gesundheitstipp, sondern beides tut dem Darm gut, weil die Peristaltik, die Darmbewegung, angeregt wird.

Apropos Tabletten aus der Apotheke: Die meisten Menschen gehen wegen Sodbrennen, Völlegefühl oder leichtem Magendrücken nicht gleich zum Arzt – sondern in die Apotheke. Viele Säureblocker, sogenannte Protonenpumpenhemmer, kann man ohne Rezept kaufen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn man sie für eine kurze Zeit einnimmt. Von einem häufigeren Gebrauch ist jedoch ohne wichtigen medizinischen Befund, zum Beispiel in der Magenspiegelung, abzuraten. Wie jedes Medikament haben auch diese Tabletten Auswirkungen auf den Darm. Sie können die Darmflora ändern und dadurch Probleme verursachen. Zudem sollte man darauf achten, dass man Antibiotika nur dann verschrieben bekommt, wenn es unbedingt sein muss. Sie können Entzündungen im Darm bis hin zu blutigen Durchfällen verursachen. Und bei etwa einem Viertel der Fälle sind sie Auslöser des Reizdarmsyndroms.

Das Gespräch führte Sylvia Schmidt

Reiseagentur Salamon e.K.