erweiterte Suche
sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung
07.12.2017

Endometriose: Zwillingsglück statt monatlicher Schmerzattacken

Viele Frauen nehmen menstruationsbedingte Schmerzen als gegeben hin. Doch wer jeden Monat aufs Neue leiden muss und sich nur mit Schmerzmitteln zu helfen weiß, sollte sich auf Endometriose untersuchen lassen. Nach einer gesicherten Diagnose können spezialisierte Frauenärzte wirksam helfen.

Maria Wackernagel mit Sohn Ben, Felix Wackernagel mit Sohn Leon, Prof. Pauline Wimberger und Dr. Nannette Grübling Foto: Uniklinikum Dresden/Holger Ostermeyer
Maria Wackernagel mit Sohn Ben, Felix Wackernagel mit Sohn Leon, Prof. Pauline Wimberger und Dr. Nannette Grübling Foto: Uniklinikum Dresden/Holger Ostermeyer
Maria Wackernagel konnte über Jahre die mit der Regelblutung verbundenen Schmerzen nur mit starken Medikamenten überstehen. Trotzdem fühlte sie sich schlapp, schlief viel und zog sich an diesen Tagen häufig zurück – egal, ob schöne Dinge wie Familienfeiern anstanden oder nicht.

So wie der heute 29-Jährigen geht es nicht wenigen Frauen. „Viele nehmen diese Schmerzen als gegeben hin“, sagt Prof. Pauline Wimberger, Direktorin der Dresdner Uni-Frauenklinik. Dieses stille Leiden führe dazu, dass es sehr häufig bis zu sechs oder sieben Jahre dauert, bis eine Endometriose als Ursache der Schmerzen festgestellt wird. Rund zehn Prozent aller Frauen sind davon betroffen, sodass das Leiden die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung in Deutschland ist.

Bei der chronisch auftretenden Endometriose bildet sich die Schleimhaut der Gebärmutter außerhalb dieses Organs und blutet während der Menstruation ab. Das ist aber nur eine mögliche Quelle der Schmerzen. Denn diese gutartige Gewebe-Neubildung führt unter anderem auch zu Verwachsungen an inneren Organen. Wenn beispielsweise der Darm betroffen ist, kann es zu Schmerzen bei der Verdauung kommen.

Erkrankung mit vielen Facetten

Maria Wackernagels Schwiegermutter gab schließlich den Anstoß dazu, dem Leiden ein Ende zu setzen: Sie hatte bemerkt, dass die Schwiegertochter regelmäßig starke Schmerzmittel nahm, und riet ihr, sich in der Uni-Frauenklinik vorzustellen. Tatsächlich wird bei etwa der Hälfte der Frauen, die über Regelschmerzen klagen, schließlich eine Endometriose diagnostiziert. So auch bei Maria Wackernagel: Vor drei Jahren saß sie erstmals Dr. Nannette Grübling gegenüber. „Da die Erkrankung viele Facetten hat und ebenso viele Fragen aufwirft, nehmen wir uns sehr viel Zeit für unsere Patientinnen. Ein Erstgespräch dauert deshalb durchschnittlich eine Stunde“, berichtet die Leiterin der Endometriose-Sprechstunde.

Bei etwa der Hälfte der Frauen, die über Regelschmerzen klagen, wird schließlich eine Endometriose diagnostiziert

Diese Gespräche sind es, die neben den Untersuchungen wichtige Hinweise für die weitere Behandlung liefern. Welche Schritte notwendig sind und welche zuerst erfolgen sollten, wird am Dresdner Uniklinikum in einer speziellen Ärztekonferenz – dem Endometrioseboard – festgelegt. Daran beteiligen sich neben den auf konservative Therapien spezialisierten Frauenärzten auch die Gynäkologen mit besonderer operativer Expertise sowie der Reproduktionsmedizin. Darüber hinaus gehören Pathologen und bei Bedarf Urologen, Viszeralchirurgen sowie auf Psychosomatik spezialisierte Ärzte zur Absprache-Runde.

Fruchtbarkeit kann beeinträchtigt werden

Je länger Frauen unbehandelt unter Endometriose leiden, umso schwieriger kann es für sie werden, ein Kind zu bekommen. Die genauen Mechanismen hierfür sind noch unklar. Ein Grund können Endometriose-bedingte Verwachsungen zwischen Gebärmutter, Eileiter und Eierstock sein, sodass Eizellen nicht mehr in die Gebärmutter gelangen können. Deshalb kann auch ein lange unerfüllter Kinderwunsch auf Endometriose hinweisen.

Erstes Ziel der Gynäkologen ist es, im Rahmen der Therapie die Schmerzen der Betroffenen in den Griff zu bekommen. Hierzu gibt es verschiedene hormonelle Therapien. Damit lassen sich Wachstum und die Neubildung von Endometrioseherden bremsen und so die Schmerzen lindern. Dank der Hormontherapie sinkt der Östrogenspiegel – für Frauen mit drängendem Kinderwunsch kommt sie daher nicht infrage. Die Wirksamkeit der Hormonbehandlung ist im Prinzip auf die Dauer der Einnahme beschränkt, kann allerdings eine Zeit lang nachwirken.

Alternative Therapien als Ergänzung

Neben der Schulmedizin gibt es alternative Behandlungsmethoden, die auch an der Uni-Frauenklinik genutzt werden: „Es ist wichtig, die Patientin ganzheitlich zu betreuen. Studien zeigen, dass Akupunktur oder Yoga sehr hilfreich sein können. An unserem Zentrum wird beispielsweise auch ein Bauchtanzkurs angeboten“, erklärt Prof. Pauline Wimberger.

Neben der Schulmedizin gibt es auch alternative Behandlungsmethoden

Maria Wackernagel entschied sich für die Einnahme der Hormone, um die Schmerzattacken in den Griff zu bekommen. Dennoch offenbarte sich bei ihr die Notwendigkeit, alle Endometrioseherde in einer Operation zu entfernen. Denn das Gewebe hatte sich bereits um den von einer Niere zur Blase verlaufenden Harnleiter gelegt. Bei einer Bauchspiegelung – das ist ein minimalinvasiver Eingriff, bei dem nur drei kleine Schnitte notwendig sind – wurde ihr dieses Gewebe entfernt. Zugleich stellten die Endometriose-Spezialistinnen fest, dass einer ihrer Eileiter durch die Erkrankung bereits geschädigt war.

In der Zwischenzeit hatte die heute 29-Jähringe geheiratet, und der Kinderwunsch wurde konkreter. Dass die Endometriose kein Hinderungsgrund sein muss, hatten sie und ihr Mann bereits auf einer Informationsveranstaltung erfahren, die die Uni-Frauenklinik regelmäßig gemeinsam mit der Europäischen Endometriose Liga e. V. veranstaltet. Dort trafen sie eine Patientin, die trotz der Erkrankung Mutter zweier Kinder geworden war. „Das hat mir Mut gemacht“, sagt Maria Wackernagel. Da bei ihr die Chancen für eine ganz natürlich beginnende Schwangerschaft nicht so gut standen, entschied sich das Paar für eine Kinderwunschbehandlung am Uniklinikum. „Genau an meinem Geburtstag setzte mir die Ärztin zwei befruchtete Eizellen ein. – Gleich bei diesem ersten Versuch wurde ich schwanger“, berichtet die Erzieherin glücklich. – Es kündigten sich Zwillinge an, die inzwischen ein halbes Jahr alt sind. Holger Ostermeyer

Selbsthilfegruppe

In der Selbsthilfegruppe Dresden/Leipzig kommen Menschen mit gleicher oder ähnlicher Betroffenheit zum Erfahrungsaustausch zusammen. Während der monatlichen Treffs wird eine Fülle unterschiedlicher Probleme besprochen, die auch Raum für die psychischen und sozialen Faktoren der Krankheitsverarbeitung und -bewältigung geben.

Das Endometriose-Netzwerk bietet den Frauen eine Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen sowie persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse zu teilen. Zudem trägt Selbsthilfe dazu bei, dass sich unter den Betroffenen ein Gefühl von Geborgenheit in der Gesellschaft etabliert. Kontakt: Die Dresdner Gruppe trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr. Erstkontakt per E-Mail an Tilia wird erbeten: kontakt@netzwerk-endometriose.de
Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS)
Ehrlichstraße 3, 01067 Dresden, facebook.com/pages/Endometriose/
99627116834232

www.netzwerk-endometriose.de
Seniorenheim Elbflorenz