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Sonderveröffentlichung
07.12.2017

Hodenhochstand: häufigste urologische Erkrankung von Kindern

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Manfred Wirth, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Uniklinikum Dresden, und Priv.-Doz. Dr. med. habil. Volker Janitzky, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Helios Klinikum Pirna, über Therapieoptionen und mögliche Folgeerkrankungen bei einem nicht behandelten Hodenhochstand

Da der Hodenhochstand relativ häufig auftritt, wird eine entsprechende Untersuchung bereits beim Kinderarzt während der U1 und U2 vorgenommen. Foto: www.istockphoto.com © evgenyatamanenko
Da der Hodenhochstand relativ häufig auftritt, wird eine entsprechende Untersuchung bereits beim Kinderarzt während der U1 und U2 vorgenommen. Foto: www.istockphoto.com 
© evgenyatamanenko
Was ist ein Hodenhochstand, und wie entsteht er?

Dr. Janitzky: Ein Hodenhochstand bezeichnet eine Lageanomalie: Ein oder beide Hoden des Babys liegen nicht im Hodensack, sondern zu weit oben oder an anderen Stellen der unteren Bauchregion. Die Ursachen lassen sich nicht immer eindeutig feststellen. Sie können in einer hormonellen Störung oder in anatomischen Hindernissen begründet sein. Meist hängen sie jedoch mit der Entwicklung des noch Ungeborenen zusammen. Beim männlichen Embryo werden die Hoden zunächst gemeinsam mit den Nieren im Bauchraum angelegt. Im weiteren Verlauf bewegen sich die Nieren nach oben, während die Hoden allmählich über den Leistenkanal nach unten in Richtung des Hodensacks wandern. Zum Zeitpunkt der Geburt sollten sie dort angelangt sein. Allerdings kann es während dieser Entwicklungsphase zu Verzögerungen kommen.

Prof. Wirth: Ein Hodenhochstand tritt bei zwei bis drei Prozent der Babys auf, die zum errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Bei Frühgeborenen liegt dieser Prozentsatz höher; nämlich bei bis zu 30. Das ist keinesfalls besorgniserregend, sondern ein Zeichen ihrer allgemeinen Unreife – dass die Entwicklung noch nicht komplett abgeschlossen ist. In der überwiegenden Anzahl der Fälle wandern die Hoden bei Frühchen in den nächsten Wochen nach der Geburt von allein zur richtigen Position.

Priv.-Doz. Dr. med. habil. Volker Janitzky, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Helios Klinikum Pirna Foto: Helios Klinikum Pirna
Priv.-Doz. Dr. med. habil. Volker Janitzky, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Helios Klinikum Pirna Foto: Helios Klinikum Pirna
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Manfred Wirth, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Uniklinikum Dresden Foto: Uniklinik Dresden
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Manfred Wirth, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Uniklinikum Dresden Foto: Uniklinik Dresden
Welche Formen gibt es?

Dr. Janitzky: Neben der erhöhten Position gibt es Sonderformen. Der Pendelhoden liegt manchmal spontan im Hodensack am richtigen Platz und dann wieder zeitweise nicht, weil er durch die reflexartige Anspannung eines speziellen Muskels, des Hodenhebers, in den Leistenkanal gezogen wird. Dies passiert zum Beispiel als Antwort auf äußere Reize wie Kälte, Stress oder Berührung. Ein Gleithoden hingegen befindet sich nicht spontan im Hodensack. Man kann ihn zwar nach unten, in den Hodensack hinein, ziehen, aber er begibt sich schnell wieder nach oben. Von einem Leistenhoden spricht man, wenn der Hoden im Leistenkanal liegt und dort tastbar ist; einen Bauchhoden dagegen kann man nicht ertasten. Und bei einer Hodenektopie schließlich ist der Hoden nicht auf seinem üblichen Abstiegsweg „hängengeblieben“, sondern befindet sich irgendwo im Körper, an einer Stelle, wo er gar nicht hingehört; etwa im Oberschenkel.

Wie wird ein Hodenhochstand diagnostiziert?

Prof. Wirth: Um herauszufinden, ob sich die Hoden in der korrekten Position befinden, genügt meist eine körperliche Untersuchung, bei der der Arzt den Hodensack und die Leistengegend gründlich abtastet. Dabei sollte das Kind mal liegen, mal sitzen und mal stehen, weil sich die Hoden dann jeweils in einer unterschiedlichen Lage befinden. Bei rund drei Viertel aller Jungen kann man den Hoden so gut ertasten, bei einem Viertel nicht. In diesen Fällen schließt sich eine Ultraschalluntersuchung an, mit der sich ein Großteil der verborgen liegenden Hoden aufspüren lässt.

Dr. Janitzky: Da der Hodenhochstand relativ häufig auftritt, wird eine entsprechende Untersuchung bereits in der U1 und U2 beim Kinderarzt vorgenommen. Dieser schaut sich neben der Harnröhre und der Harnmündung auch die Hoden an. Und natürlich können auch die Eltern bei ihrem Säugling vorsichtig ertasten, ob sie die Hoden an der richtigen Position fühlen können, und sich bei Auffälligkeiten an einen Kinderarzt wenden.

Betrifft die Erkrankung nur Babys, oder tritt sie auch später auf?

Dr. Janitzky: Bei einem Hodenhochstand handelt es sich zumeist um eine angeborene Fehlbildung, die schon unmittelbar nach der Geburt auffällt. Es gibt aber auch – allerdings recht selten – einen sogenannten sekundären Hochstand, bei dem der Hoden anfänglich korrekt positioniert war und erst später eine falsche Lage einnimmt. Dies kann durch Wachstumsstörungen oder infolge von Operationen wie beispielsweise einer Leistenbruch-OP eintreten, oder wenn ein Pendelhoden vorlag, der irgendwann oben geblieben ist.

Die Zeichnung verdeutlicht die Lage der Hoden: Links im Bild befindet sich der Hoden an der korrekten Stelle, rechts ein Hochstand. Dabei kann die Keimdrüse zu hoch im Hodensack (Skrotum) liegen, in der Leiste oder gar im Bauchraum. Bei einer Hodenektopie ist der Hoden zu einer Position gewandert, die nicht zum regulären Abstiegsweg während der embryonalen Entwicklung gehört. Zeichnung: Kreation. DDV GRAFIK
Die Zeichnung verdeutlicht die Lage der Hoden: Links im Bild befindet sich der Hoden an der korrekten Stelle, rechts ein Hochstand. Dabei kann die Keimdrüse zu hoch im Hodensack (Skrotum) liegen, in der Leiste oder gar im Bauchraum. Bei einer Hodenektopie ist der Hoden zu einer Position gewandert, die nicht zum regulären Abstiegsweg während der embryonalen Entwicklung gehört. Zeichnung: Kreation. DDV GRAFIK
Welche Behandlungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Prof. Wirth: In den ersten sechs Lebensmonaten des Babys kann man abwarten, ob die Hoden noch von allein in den Hodensack wandern, was oftmals der Fall ist. Geschieht das nicht, sollte eine Behandlung bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes erfolgen. Außer beim Pendelhoden, der sich mal oben und mal unten befindet. Diese Form ist nicht schlimm, zieht keine negativen Folgen nach sich und benötigt daher keine Behandlung. Ganz anders sieht das beim Gleithoden aus, der wie ein Gummizug gleich wieder hochschnellt, nachdem er in den Hodensack gezogen wurde. Diese wie auch alle anderen Varianten eines Hodenhochstandes müssen therapiert werden. Bis vor wenigen Jahren wurde zunächst eine Hormongabe eingesetzt. Davon ist man jedoch inzwischen abgekommen. Die Hormontherapie wird in den medizinischen Leitlinien nicht mehr empfohlen. Heute ist das Mittel der Wahl die Operation, wobei je nach Lage der Hoden verschiedene Techniken des Eingriffs infrage kommen. Ziel ist natürlich immer die Verlagerung des falsch positionierten Hodens in den Hodensack.

Was können die Folgen eines unbehandelten Hochstandes im Erwachsenenalter sein?

Prof. Wirth:
Wird ein Hodenhochstand nicht frühzeitig behoben, kann später die Zeugungsfähigkeit beeinträchtig sein; bis hin zur Unfruchtbarkeit. Für die Spermienproduktion benötigen die Hoden eine niedrigere Temperatur als die generelle Körpertemperatur. Im Hodensack haben sie ideale Bedingungen, denn dort ist es etwas kühler als in der Leistengegend oder im Bauchraum, wo die Temperatur durchschnittlich zwei bis vier Grad höher ist. Den Hoden wird es also außerhalb des Hodensacks auf die Dauer zu warm. Grundsätzlich kann man sagen: Je größer die Temperatur und je länger der Hoden dieser ausgesetzt ist, desto mehr wächst das Risiko für spätere Folgen. Daher sollte die Behandlung – wie bereits erwähnt – im ersten Lebensjahr abgeschlossen werden.

Dr. Janitzky: Ein weiterer Aspekt ist, dass ein Hodenhochstand die Entstehung von Hodentumoren begünstigt. Man nimmt an, dass sich diese Tumore aus embryonalem Gewebe bilden, das entartet ist. Hinzu kommt eine genetische Veranlagung. Das Risiko einer Erkrankung liegt um das Acht- bis Zehnfache höher im Vergleich zu einem Mann, der keinen Hochstand hatte. Auch wenn ein Hodentumor eher selten auftritt, ist er die häufigste Tumorform bei jungen Erwachsenen. Dabei sind sogenannte Häufigkeitsgipfel zu verzeichnen. Diese liegen im Alter von 16 bis 20 Jahren und später dann noch einmal um die 40 herum. Trotz der operativen Behandlung des Hodenhochstandes kann das Krebsrisiko nicht ausgeschlossen werden. Die betroffenen Jungs und jungen Männer sollten ab der Pubertät regelmäßig ihre Hoden abtasten und bei Veränderungen wie etwa schmerzlosen Vergrößerungen oder Verhärtungen zur Kontrolle einen Urologen konsultieren. Denn bei einer zeitigen Entdeckung einer eventuellen Erkrankung stehen die Heilungschancen sehr gut: bei rund 90 Prozent.

Interview: Sylvia Schmidt