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Sonderveröffentlichung
26.06.2017

Neue Regelungen seit 1. Januar in Kraft

Die drei bisherigen Pflegestufen wurden durch fünf Pflegegrade ersetzt. So sollen mehr Menschen von Leistungen profitieren.

Durch das Pflegestärkungsgesetz wurden die bisherigen drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade abgelöst. Besonderes Augenmerk wurde auf die Einstufung von Menschen mit Demenz gelegt. Foto: gilles lougassi – fotolia
Durch das Pflegestärkungsgesetz wurden die bisherigen drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade abgelöst. Besonderes Augenmerk wurde auf die Einstufung von Menschen mit Demenz gelegt. 
Foto: gilles lougassi – fotolia


Mit Inkrafttreten des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes am 1. Januar 2016 wurden die Weichen für einen grundlegend neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff gestellt, der seit dem 1. Januar 2017 gilt. Fünf neue Pflegegrade haben die bisherigen drei Pflegestufen ersetzt. Pflegebedürftige erhalten Leistungen der Pflegeversicherung, unabhängig davon, ob sie von körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen betroffen sind.

Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff wächst die Zahl der Versicherten, die Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung haben, da die Unterstützung deutlich früher ansetzt. In den Pflegegrad 1 werden künftig erstmalig Menschen eingestuft, die noch keine erheblichen Beeinträchtigungen haben, aber schon in gewissem Maß – zumeist körperlich – eingeschränkt sind. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der besseren Einstufung von Menschen mit Demenz.

Die Zuordnung zu einem Pflegegrad erfolgt anhand eines Punktesystems. Dafür findet ein persönliches Treffen mit einem Gutachter des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK), die sogenannte Pflegebegutachtung, statt. Anhand eines Fragenkatalogs nimmt er die Angaben zu sechs Bereichen auf, die jeweils mehrere Einzelkriterien enthalten (zum Beispiel: Essen oder Trinken). Für jedes erhobene Kriterium werden Punkte vergeben. Die Höhe der Punkte orientiert sich daran, wie sehr die Selbstständigkeit eingeschränkt ist oder die Fähigkeiten nicht mehr vorhanden sind. Grundsätzlich gilt: Je höher die Punktzahl, desto schwerwiegender die Beeinträchtigung.

Die innerhalb eines Bereiches für die verschiedenen Kriterien vergebenen Punkte werden zusammengezählt und gewichtet. Denn entsprechend ihrer Bedeutung für den Alltag fließen die Ergebnisse aus den einzelnen Bereichen unterschiedlich stark in die Berechnung des Pflegegrades ein. Beispielsweise der Bereich „Selbstversorgung“ mit 40 Prozent oder der Bereich „Mobilität“ mit zehn Prozent. Die Gewichtung bewirkt laut MDK, dass die Schwere der Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten von Personen mit körperlichen Defiziten einerseits und kognitiven oder psychischen Defiziten andererseits sachgerecht und angemessen bei der Bildung der Gesamtpunktzahl berücksichtigt werden. Aus dem Gesamtpunktwert wird das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit bestimmt und der Pflegegrad abgeleitet.

Zur Finanzierung dieser Maßnahmen wurde der Beitragssatz der Pflegeversicherung zum 1. Januar 2017 noch einmal um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Allerdings sind durch die neuen Regelungen auch einige konkrete Kosten für Betroffene gestiegen. Im Pflegeheim zahlen alle Pflegebedürftigen seit Januar einen feststehenden Eigenanteil an den Pflegekosten. Der ändert sich auch nicht mehr, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert und sie in einen höheren Pflegegrad eingestuft werden. Das bedeutet aber für diejenigen, die jetzt mit geringem Pflegebedarf ins Heim kommen, höhere Kosten im Vergleich zu früher mit flexiblem Eigenanteil. Denn der Gesetzgeber will die häusliche Pflege stärken. So erhalten Pflegebedürftige mit Pflegegrad 2 (vorher Pflegestufe 1) für ihren Heimplatz jetzt weniger von der Kasse als 2016.

Auch im Bereich der ambulanten Pflege führten die neuen Regelungen – trotz höherer Leistungen der Kassen – für einige Betroffene zu höheren Kosten. So berichteten zahlreiche Leser der Sächsischen Zeitung, dass sie für ambulante Körperpflegemaßnahmen höhere Beträge zahlen mussten, zum Teil doppelt so viel wie vorher. Dieser Kritik nahm sich die Pflegesatzkommission für Sachsen an. Darin schließen Pflegekassen, Sozialhilfe- und Einrichtungsträger Rahmenvereinbarungen für die Pflege ab. Die Kommission beschloss im März, das Leistungskomplexsystem für die ambulante Pflege anzupassen und um weitere Angebote zu ergänzen. „Damit muss der Pflegebedürftige, der bei der Körperpflege keine Unterstützung bei der Benutzung der Toilette oder des Toilettenstuhls sowie der Fortbewegung in der Wohnung benötigt, diese Angebote nicht mehr mitbezahlen“, sagt Mario Chmelarz vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Diese Regelung soll laut Kommission bereits bei allen Diensten auch umgesetzt worden sein. Das nächste Mal tagt die Kommission im August. ih, mit SZ/G. Fleischer

Auszug Leistungsansprüche in 2017 (in Euro)

                                                            PG1    PG2    PG3    PG4    PG5
Häusliche Pflege Pflegegeld (monatl.)                 316     545    728    901
Kurzzeitpfl. (bis 8 Wochen/Jahr)                        1612   1612   1612  1612
Vollstationäre Pflege (monatl.)                  125   770     1262   1775  2005

Quelle: Bundesgesundheitsministerium, www.bmg.bund.de Die Broschüre „Ratgeber Pflege“ mit den vollständigen Angaben zu den Leistungsansprüchen kann dort kostenlos heruntergeladen werden.

www.bmg.bund.de
Barmer

Wonach wird beurteilt, ob ein Mensch pflegebedürftig ist?

Maßgeblich für das Vorliegen von Pflegebedürftigkeit sind die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten in folgenden Bereichen:

1. Mobilität
Wie selbstständig kann derjenige sich fortbewegen und seine Körperhaltung ändern?

2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
Wie findet sich derjenige in seinem Alltag örtlich und zeitlich zurecht? Kann er für sich selbst Entscheidungen treffen? Kann er Gespräche führen und Bedürfnisse mitteilen?

3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
Wie häufig benötigt derjenige Hilfe aufgrund von psychischen Problemen, wie etwa aggressives oder ängstliches Verhalten?

4. Selbstversorgung
Wie selbstständig kann sich derjenige im Alltag selbst versorgen bei der Körperpflege, beim Essen und Trinken?

5. Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen
Welche Unterstützung wird benötigt beim Umgang mit der Krankheit und bei Behandlungen? Zum Beispiel Medikamentengabe, Verbandswechsel, Dialyse, Beatmung?

6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte
Wie selbstständig kann der Mensch noch den Tagesablauf planen oder Kontakte pflegen?

Nach Gesamtbewertung aller Fähigkeiten und Beeinträchtigungen erfolgt die Zuordnung zu einem der fünf Pflegegrade.

Quelle: Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen

www.pflegebegutachtung.de