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Sonderveröffentlichung
26.06.2017

Vorsorge und Verfügungen rechtzeitig besprechen

Wie man mit Angehörigen über ihre Wünsche im Alter sprechen kann, verrät Karolin Göhl vom BÜLOWH Beratungs- und Begegnungszentrum für Senioren und Angehörige in Dresden-Loschwitz und -Neustadt.

Es gibt schönere Themen, aber wenig wichtigere: Über Vorsorge unter anderem durch eine Patientenverfügung sollten sich Familien rechtzeitig verständigen. Archivfoto: dpa
Es gibt schönere Themen, aber wenig wichtigere: Über Vorsorge unter anderem durch eine Patientenverfügung sollten sich Familien rechtzeitig verständigen. 
Archivfoto: dpa
Frau Göhl, vielen Familien fällt es nicht leicht, miteinander über die Vorsorge für schwierige Ausnahmesituationen zu sprechen. Warum sollte man es dennoch versuchen?

Karolin Göhl: Wenn man so lange wie möglich selbstbestimmt leben will, kommt man nicht darum herum, dafür auch die Verantwortung zu übernehmen und sich mit dem Thema Vorsorge auseinanderzusetzen. Das gilt vor allem für Situationen, in denen man durch Unfall, Krankheit oder Alter seine Vorstellungen und Wünsche nicht selbst äußern kann. Diese sollten innerhalb der Familie besprochen werden, um Klarheit und Erleichterung zu erreichen.

Welche Möglichkeiten gibt es denn, für die Umsetzung der eigenen Vorstellungen zu sorgen?

In der Vorsorgevollmacht können eine oder mehrere Personen bestimmt werden, die im Bedarfsfall mit bestimmten Zuständigkeiten ausgestattet werden, an meiner Stelle zu handeln und zu entscheiden. Diese Menschen sollte man schon bei der Abfassung ins Vertrauen ziehen, da sie die Vollmacht ebenfalls unterschreiben müssen. Eine solche Vollmacht mit den eigenen Wünschen und Festlegungen kann auch von alleinstehenden Menschen ausgestellt und als Betreuungsverfügung bei Gericht oder einem Notar hinterlegt werden. In einer Patientenverfügung kann ich festlegen, ob und welche medizinischen Maßnahmen durchgeführt werden sollen, wenn ich selbst nicht fähig bin, meinen Willen zu äußern. Auch hier sollte man die Angehörigen und/oder Vertrauenspersonen mit ins Boot holen – sie sollten ja damit einverstanden sein, die Verfügung durchzusetzen.
 
"Wenn man so lange wie möglich selbstbestimmt leben will, kommt man nicht darum herum, dafür auch die Verantwortung zu übernehmen und sich mit dem Thema Vorsorge auseinanderzusetzen."

Was kann man tun, wenn Mutter oder Vater nicht über das schwierige Thema des Lebensendes sprechen möchten?

Eine wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes Gespräch besteht darin, dass die erwachsenen Kinder anerkennen und akzeptieren, dass die Eltern vielleicht Angst haben: Angst vor dem Sterben und vor dem Tod und vor allen Fragen, die damit zusammenhängen. Dazu gehört auch die Befürchtung, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren und wichtige Dinge nicht mehr selbst entscheiden zu können. Wenn wir vermitteln können, dass die Wünsche von Vater und Mutter im Mittelpunkt stehen und dass wir ihre Ängste ernst nehmen, ist meistens schon viel gewonnen.
 
Karolin Göhl Foto: Susanne Voigt
Karolin Göhl Foto: Susanne Voigt
Wichtig ist auch, in der Sprache klar zu sein. Mit Sätzen, die mit „Du solltest …“ oder „Du musst ...“ anfangen, lässt sich keine Brücke bauen. Damit vermittelt man nur, dass man glaubt, besser als die Eltern zu wissen, welcher Weg der richtige für sie ist. Über diesen können aber nur die Eltern selbst entscheiden – egal, wie wir selbst darüber denken. Besser sind Ich-Botschaften wie „Ich mache mir Gedanken, was du dir wünschst, wenn du in einer Situation bist, in der du es nicht selbst sagen kannst. Damit ich in deinem Sinne handeln kann, würde ich gern mit dir über deine Wünsche sprechen.“ Manchmal helfen auch Sätze wie: „Ihr habt als Eltern dafür gesorgt, dass es uns gut ging. Jetzt würden wir gern wissen, was wir für euch tun können.“

Und wenn auch dadurch keine Bereitschaft zu einem Gespräch erreicht wird?

Manche Menschen erreicht man, wenn man sie mit etwas lockt, das ihnen am Herzen liegt. „Du möchtest vielleicht, dass auch in einer Ausnahmesituation deine Überweisung an den gemeinnützigen Vereinigung xy weiter getätigt wird. In einer Verfügung könntest du auch das festlegen.“ So könnte zum Beispiel ein Gesprächseinstieg aussehen. Wenn es den Eltern schwerfällt, innerhalb der Familie darüber zu sprechen, kann das Thema auch von außen herangetragen und vorbereitet werden – beispielsweise durch den Hausarzt oder durch eine Beratungsstelle für Senioren. Manchmal hilft es auch, wenn man die Eltern über die Folgen aufklärt, die eine ungeklärte Vorsorge haben kann: dass ein gesetzlicher Betreuer zur Wahrnehmung eingesetzt werden muss, wenn ein Mensch die Vertreter seiner Interessen nicht rechtzeitig bestimmt hat. Viele wissen nicht, dass die Familienangehörigen nur dann tätig werden können, wenn sie vorher schriftlich ausdrücklich dazu bestimmt wurden. Sie vertrauen darauf, dass ihre Kinder oder Ehepartner automatisch für die Regelung aller anstehenden Angelegenheiten zuständig und dazu berechtigt sind. Das ist leider ein Irrtum, der oft zu spät erkannt wird. Wenn der Betroffene niemanden zur Übernahme der Verantwortung eingesetzt hat, wird gerichtlich ein Betreuer (bevorzugt Familienangehörige, oder Berufsbetreuer) dafür bestellt – was vermieden werden kann, indem man rechtzeitig Vorsorge trifft. Dazu kommt, dass die gerichtliche Betreuung (Berufsbetreuer) oft aus eigenen Mitteln finanziert werden muss und vieles dokumentiert und aufgeschrieben werden muss. Auch das ist oft nicht bekannt.

"Wenn wir vermitteln können, dass die Wünsche von Vater und Mutter im Mittelpunkt stehen und dass wir ihre Ängste ernst nehmen, ist meistens schon viel gewonnen."

Wenn alle Versuche, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, scheitern: Bringt es etwas, weiterhin dranzubleiben?

Es gibt häufig Gespräche wie diese: Vater: „Ich will nicht ins Heim.“ Kinder: „Was willst du denn dann?“ Vater: „Weiß ich nicht. Aber nicht ins Heim. Ich will nicht darüber reden.“ In solchen Fällen bleibt nur die Akzeptanz. Dann ist es einfach so. Natürlich wäre es schön, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Und man darf sich auch wünschen, sich miteinander über Wünsche, Träume und auch Ängste austauschen zu können. Aber wenn die Eltern dazu nicht bereit sind, sollte man ihre Entscheidung respektieren. Niemand muss ja eine Vollmacht erstellen. Es besteht auch ein persönliches Recht darauf, nicht alles regeln zu wollen und zu müssen. Wichtig ist dabei nur, um die Konsequenzen zu wissen. Genauso wichtig ist aber das Vertrauen in Situationen und Menschen. Dieses sollte ausreichend Raum und Anerkennung bekommen. Susanne Voigt

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Testament

Mit diesen Dokumenten kann man Angehörigen im Falle des Falles viele Zweifel ersparen:

- Mit einer Patientenverfügung können Sie schriftlich für den Fall Ihrer Entscheidungsunfähigkeit festlegen, ob und wie Sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten.

- Mit einer Vorsorgevollmacht beauftragen Sie eine Person Ihres Vertrauens stellvertretend für Sie zu handeln, zu entscheiden und Verträge abzuschließen – entweder umfassend oder in abgegrenzten Bereichen. Die Vollmacht gilt nur, wenn Sie die Dinge nicht mehr selbst bewältigen können.

- Mit einem Testament kann man festlegen, wer nach dem Tod was bzw. wie viel erben soll. Die Pflichtanteile für nahe Angehörige stehen aber auch unabhängig davon fest. ih

Urteil zu Ort des Nachlassgerichts

Zieht jemand kurz vor seinem Tod in ein Pflegeheim, stellt sich die Frage: Welches Nachlassgericht ist zuständig? Es kommt darauf an, entschied jüngst das Oberlandesgericht (OLG) München. War der Erblasser beim Umzug ins Heim noch geschäftsfähig, ist das Nachlassgericht am Ort des Pflegeheims für die Testamentseröffnung zuständig, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Erbrecht im Deutschen Anwaltverein das Urteil. Denn dann wird angenommen, dass er freiwillig seinen bisherigen Wohnsitz aufgegeben hat und ins Pflegeheim umgezogen ist. Folglich ist das Amtsgericht am Ort des Pflegeheims für die Nachlassabwicklung zuständig. Anders liegt der Fall hingegen, wenn der Erblasser zum Zeitpunkt des Umzugs nicht mehr geschäftsfähig war, seinen bisherigen Wohnsitz also nicht durch einen freien Willensentschluss aufgegeben hat. Zuständig ist dann das Nachlassgericht, wo er zuvor zuletzt gewohnt hat. Der Umzug ins Pflegeheim führt dann also nicht zu einem Zuständigkeitswechsel der Gerichte. Ein erzwungener oder willenlos begründeter Aufenthalt darf nicht zu einem Zuständigkeitswechsel der Gerichte führen, sonst wäre Manipulationen durch Angehörige oder Betreuer Tür und Tor geöffnet, heißt es. Denn der letzte gewöhnliche Aufenthalt hat mittelbar auch Auswirkungen auf das anzuwendende Recht. Dies gilt dann, wenn das Pflegeheim nicht nur in einem anderen Gerichtsbezirk liegt als der vorherige Wohnsitz des Erblassers, sondern auch in einem anderen Land. dpa