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Sonderveröffentlichung
07.12.2017

Wenn der Kinderwunsch zunächst unerfüllbar bleibt

Die Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit können sehr unterschiedlich sein und sowohl bei der Frau als auch beim Mann liegen.

Eine Möglichkeit, um kinderlosen Paaren zu helfen, ist die künstliche Befruchtung. Foto: AOK-Mediendienst
Eine Möglichkeit, um kinderlosen Paaren zu helfen, ist die künstliche Befruchtung. Foto: AOK-Mediendienst
Viele Paare wünschen sich sehnlichst ein Kind, aber mit dem Schwangerwerden will es einfach nicht klappen. Statistische Erhebungen gehen davon aus, dass in Deutschland circa jede siebte Partnerschaft ungewollt kinderlos bleibt, wobei sich eine steigende Tendenz abzeichnet. Diese Situation ist für die meisten sehr frustrierend, belastet vielfach die Beziehung und macht ungeduldig. Aber gerade das Gegenteil, nämlich Geduld, ist gefragt – und fachärztliche Hilfe. „Positiv ist schon mal zu bewerten, dass sich die Paare heutzutage viel eher an einen Gynäkologen oder eine spezielle Kinderwunsch-Sprechstunde wenden, als dies früher der Fall war“, sagt Dr. med. Hans-Jürgen Held, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Schwerpunkt Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, und Leiter des Kinderwunschzentrums Dresden. „Und bei so manchem Paar kann man bereits in der ersten Beratungssitzung erleben, dass sich gedankliche Blockaden lösen und sich eine erste Erleichterung einstellt. Da ist noch gar keine Behandlung erfolgt, aber beide können über ihre Probleme sprechen und einen Teil ihres Leidensdrucks abbauen.“

Nicht unnötigen Druck aufbauen

Unter Druck setzen sich viele Betroffene mitunter selbst; Frauen noch mehr als Männer. Sie quälen sich mit der Frage, warum ausgerechnet sie nicht schwanger werden, wo es doch bei anderen scheinbar mühelos funktioniert. „Dazu muss man wissen, dass der monatliche Zyklus der Frau ein höchst komplexer Vorgang ist, der den unterschiedlichsten Einflüssen unterliegt, und dass die Eizelle nach dem Eisprung nur für wenige Stunden befruchtungsfähig ist“, erklärt Dr. Held. „Man müsste also genau diesen Zeitrahmen treffen, was natürlich im Alltag eher Zufall ist.“ Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass lediglich 15 bis 17 Prozent der Frauen innerhalb des ersten Zyklus schwanger werden. Daher sprechen Mediziner erst dann von einer ungewollten Kinderlosigkeit, wenn sich bei einem Paar trotz regelmäßigen ungeschützten Verkehrs nach einem Jahr immer noch keine Schwangerschaft eingestellt hat. „Der beste Ratschlag ist, dass ein Paar zunächst einmal dann Verkehr haben sollte, wenn es dazu Lust hat – und nicht zwanghaft zweimal am Tag, nach Kalender oder Fieberkurve. Nach einem Jahr kann man schließlich auf Ursachensuche gehen.“

Psyche spielt eine große Rolle

Gerade Frauen leiden häufig besonders stark darunter, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Insbesondere dann, wenn es um das erste Kind geht oder sie in der Vergangenheit einen Schwangerschaftsabbruch haben vornehmen lassen. Ihre Gedanken kreisen schließlich nur noch um das eine Thema, sodass sie andere schöne Dinge im Leben gar nicht mehr genießen können. Sie empfinden die eintretende Periode als Verlust; je häufiger dies geschieht, desto schwieriger wird es, die Situation zu verarbeiten. „Das geht hin bis zu Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen, obwohl dies absolut ungerechtfertigt ist“, sagt Dr. Held. „Denn es liegt schließlich nicht immer an der Frau, dass sie nicht schwanger wird.“ Im Gegenteil: Biologische Störungen, die Hauptursachen für eine Unfruchtbarkeit, sind zu jeweils etwa 40 Prozent gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt. Bei 20 Prozent der Paare bleiben die Gründe trotz aufwendiger Diagnostik unklar, oder beide Partner sind gleichzeitig von einer Einschränkung betroffen, die sich dann addieren. „Daher ist heute eine Kinderwunschbehandlung ohne Einbeziehung des Mannes nicht mehr denkbar“, unterstreicht Dr. Held. „Und erfreulicherweise haben moderne Männer diesbezüglich veraltete Denkmuster – wie beispielsweise: ‚Wenn ich Sex haben kann, dann bis ich auch zeugungsfähig‘ – über Bord geworfen.“

Lassen sich weder beim Mann noch bei der Frau biologische Ursachen ausmachen, was auf 10 bis 15 Prozent aller Fälle zutrifft, spielt zumeist der Kopf die Hauptrolle. Wenn man nicht zur Ruhe kommt, verhindert der Körper von sich aus, dass es mit dem Schwangerwerden klappt. „Dauerstress und Belastungen im privaten Bereich oder beruflichen Umfeld können durchaus Störungen des Hormonhaushalts mit verursachen. Ein Teufelskreis: Denn wird die Frau nicht schwanger, machen sich viele Paare noch mehr Stress“, so Dr. Held. „Empfehlenswert sind dann Gespräche bei einem Psychologen oder eine psychosomatische Betreuung.“

Ursachen beim Mann ...

Der Wunsch nach einem Kind, der lange unerfüllt bleibt, belastet viele Paare stark, macht traurig und verzweifelt. Den meisten jedoch kann geholfen werden. Foto: www.istockphoto.com © KatarzynaBialasiewicz
Der Wunsch nach einem Kind, der lange unerfüllt bleibt, belastet viele Paare stark, macht traurig und verzweifelt. Den meisten jedoch kann geholfen werden. Foto: www.istockphoto.com 
© KatarzynaBialasiewicz
Beim Mann liegt der häufigste Grund für eine Sterilität in einer verminderten Spermienqualität: Es werden entweder zu wenig intakte Samenzellen gebildet, oder deren Beweglichkeit ist eingeschränkt. Mit einem Spermiogramm, das im Abstand von circa sechs Wochen zweimal durchgeführt wird, kann der Arzt die Samenflüssigkeit analysieren. Im Mittelpunkt steht dabei die mikroskopische Beurteilung der Samenzellen hinsichtlich ihrer Anzahl, ihrer Form und ihrer Beweglichkeit. „Weichen die Ergebnisse von den Normwerten ab, können unterschiedliche Ursachen dahinterstecken“, erläutert Dr. Held. „Beispielsweise Krampfadern der Hoden, Entzündungen der Harn- oder Geschlechtsorgane, Mumps-Infektion oder ein Hodenhochstand in der Kindheit bis hin zu genetischen und hormonellen Störungen.“ Aber auch wenn die Resultate normgerecht sind, kann die Spermienqualität schwanken. Umwelteinflüsse, sogenannte Hitzeberufe, Übergewicht, Rauchen und bestimmte Medikamente wie Betablocker können sich hier negativ auswirken. „Manche der Ursachen lassen sich durch eine entsprechende Behandlung beheben, andere nicht. So gibt es kaum Medikamente, mit denen man die Spermaproduktion verbessern kann. Insgesamt ist die Palette der therapeutischen Möglichkeiten bei Männern begrenzter als bei Frauen.“

... und bei der Frau

Bei der Frau ist oftmals der Hormonhaushalt gestört, sodass nicht genügend Eizellen heranreifen und der Eisprung ausbleibt. Ebenso können Erkrankungen wie Schilddrüsenfehlfunktionen oder ein beeinträchtigter Insulinstoffwechsel dazu führen. Zu den organischen Ursachen für eine Unfruchtbarkeit zählen Defekte der Eierstöcke, Eileiter oder Gebärmutter, zum Beispiel ein Eileiterverschluss oder eine Verwachsung der Gebärmutter. Auch gynäkologische Krankheiten, wie eine Endometriose, oder Entzündungen, Infektionen oder Operationen können eine Fruchtbarkeitsstörung nach sich ziehen.

„Die Chancen, den betroffenen Frauen zu helfen, sind aber groß, denn es steht ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung“, so Dr. Held.

Deutlich schwieriger hingegen ist es, wenn sich Frauen erst sehr spät dafür entscheiden, ein Kind bekommen zu wollen. „In der jüngeren Vergangenheit ist zu beobachten, dass das Wunschalter deutlich nach oben gegangen ist. Nicht selten liegt es bei 38 bis 40 Jahren.“ Heute weiß die moderne Medizin, dass die Eizellen einer Frau bereits in deren Embryonalzeit angelegt werden. Mit anderen Worten: Die Eizellen einer 39-jährigen Frau sind rund 40 Jahre alt. Das Problem liegt in dem Fakt begründet, dass die Eizellen im gleichen Maße altern wie die Frau und im Laufe der Zeit chromosomale Schäden aufweisen können. Diese wiederum führen zu einem Abort, einer Fehlgeburt. Je älter eine Eizelle ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Chromosomenschädigung, die ein Schwangerwerden verhindert. „Aus ärztlicher Sicht ist es also empfehlenswert, den Kinderwunsch nicht zu lange hinauszuzögern. Dann kann der überwiegenden Zahl der Paare mit Kinderwunsch auch geholfen werden“, sagt Dr. Held. Sylvia Schmidt

ELBLANDKLINIKUM Radebeul