erweiterte Suche
sz-online.de - Sächsische Zeitung [online]
Sonderveröffentlichung
01.09.2017

Wissen bündeln für eine optimale Therapie bei Tumoren der Leber

Höchste Präzision – zum Beispiel mithilfe der Lupenbrille – und Teamarbeit sind bei Operationen von Lebertumoren unerlässlich. Foto: Klinik
Höchste Präzision – zum Beispiel mithilfe der Lupenbrille – und Teamarbeit sind bei Operationen von Lebertumoren unerlässlich. Foto: Klinik
Prof. Dr. Helmut Witzigmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeralund Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum in Dresden-Friedrichstadt, über Funktionsweise und Erkrankungen der Leber sowie über die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Behandlung von Lebertumoren

Welche Aufgaben erfüllt unser größtes Organ, die Leber?

Die Leber spielt eine zentrale Rolle für den Gesamtorganismus, denn sie ist am Stoffwechsel von Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen beteiligt und nimmt dort eine Schlüsselfunktion ein. Die Leber entzieht dem Blut giftige Abbauprodukte, Alkohol, Arzneimittel und mit der Nahrung aufgenommene Schadstoffe, die sie abbaut und ausscheidet. Zudem stellt sie dem Körper wichtige Stoffe zur Verfügung, wie etwa Glukose. Eine bestimmte Menge an Glukose, die die Körperzellen zur Energieherstellung benötigen, zirkuliert ständig im Blut. Herrscht ein Überschuss an diesem Zucker vor, wird er zur Leber transportiert, dort gespeichert und umgewandelt. Wenn der Glukosespiegel im Blut sinkt, gibt die Leber die Glukose wieder an den Blutkreislauf ab. Außerdem stellt die Leber pro Tag rund einen halben Liter Gallensaft her, der im Darm bei der Verdauung von Fetten hilft. Auch verschiedene Eiweißstoffe werden in dem Organ gebildet. Zum einen die Gerinnungsfaktoren, die dafür zuständig sind, dass eine Wunde aufhört zu bluten. Zum anderen das bedeutsame Albumin. Dieses Protein befördert unterschiedlichste Stoffe durch den Körper und bindet Wasser. Fehlt Albumin, kommt es etwa zu Wasseransammlungen, sogenannten Ödemen, in den Beinen. Außerdem produziert die Leber Cholesterin, das für einige Hormone von Bedeutung ist, und speichert Vitamine sowie Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Zink und Mangan. Diese Vielzahl an Aufgaben, die die Leber tagtäglich erfüllt, macht deutlich, wie lebensnotwendig sie ist. Man kann sie ohne Übertreibung als das Herz des Bauchraumes bezeichnen. Daneben verfügt die Leber über ein bemerkenswert hohes Potenzial an Regenerationsvermögen. Das wiederum kann für die Operation von Lebertumoren ausgenutzt werden.

Was sind die häufigsten Erkrankungen, und wie machen sie sich bemerkbar?

Da im Inneren der Leber keine Nervenfasern vorhanden sind, können sich eine Überlastung oder Funktionsstörung nicht in Form von Schmerzen manifestieren. Somit verlaufen Erkrankungen zunächst oft beschwerdefrei und unbemerkt. Dabei sind die Symptome – Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, verminderter Appetit, Veränderungen des Gewichts oder ein Druckgefühl im rechten Oberbauch – so unspezifisch, dass sich dahinter die verschiedensten Krankheiten verbergen können.


Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Zu den häufigsten Erkrankungen gehören die Hepatitis – eine Entzündung der Leber –, die Fettleber, die Leberzirrhose und der Leberkrebs. Auslöser für eine Hepatitis sind häufig Viren. Je nach Erreger kann die Erkrankung, von der es die Formen A, B, C und E gibt, chronisch verlaufen. Bei einer Fettleber kann die Ursache in einem übermäßigen Alkoholkonsum liegen, aber ebenso können Übergewicht, Diabetes oder eine Virushepatitis verantwortlich sein. Eine Folge kann eine Leberzirrhose sein. Sie stellt das Endstadium verschiedener Lebererkrankungen dar. Hier sterben die Leberzellen ab. Das Organ kann dann seine vielfältigen Aufgaben nicht mehr ausreichend wahrnehmen, was zu Ausfällen und Störungen im gesamten Organismus führt. In der Regel kann eine Zirrhose nicht rückgängig gemacht werden, und sie erhöht das Risiko für das Leberzellkarzinom, eine bösartige Krebserkrankung der Leber. Zunehmend wird der Leberkrebs aber auch durch ei- ne nicht-alkoholbedingte Fettlebererkrankung infolge von Fettleibigkeit verursacht. In einem frühen Stadium bereitet die Erkrankung nur sehr selten Beschwerden, im weiteren Verlauf kann sie zu Schmerzen im rechten Oberbauch führen. Für die Behandlung empfiehlt sich ein spezialisiertes und zertifiziertes Leberzentrum, in dem Fachärzte der unterschiedlichsten Richtungen, etwa Viszeralchirurgen, Onkologen, Radiologen, Endoskopie-Experten, Nuklearmediziner und Hepatologen, um nur einige zu nennen, eng zusammenarbeiten.

Prof. Dr. Helmut Witzigmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum in Dresden- Friedrichstadt Foto: Ringo Lösel
Prof. Dr. Helmut Witzigmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum in Dresden- Friedrichstadt Foto: Ringo Lösel
Inwiefern profitiert der Patient von einem zertifizierten Zentrum?

„Zentrum“ kann sich jeder Zusammenschluss von mehreren Bereichen nennen. Um jedoch eine Zertifizierung zu erhalten, muss die betreffende Klinik verschiedene Richtlinien und Standards erfüllen. Zudem ist es nicht unerheblich, wer die Zertifizierung vornimmt. Die Deutsche Krebsgesellschaft und die Fachgesellschaft DGAV, Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, von denen wir zertifiziert wurden, stellen extrem hohe Anforderungen. Da wird die Anzahl der Operationen genauso wie die Mortalitätsrate kontrolliert, da wird überprüft, ob die Zusammenarbeit wirklich fachübergreifend erfolgt und die Auswahl der Therapieoptionen gemeinsam in einem Tumorboard getroffen wird und vieles andere mehr. Letztendlich handelt es sich um eine tiefgehende Qualitätsanalyse. Und dies kommt den Patienten zugute. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von hochspezialisierten Ärzten behandelt werden, ist damit größer als in einer nicht-zertifizierten Einrichtung. Und je öfter ein bestimmter Eingriff bereits vorgenommen wurde, desto größer ist natürlich die Erfahrung auf diesem Gebiet, was für die Patienten ein Plus an Sicherheitsgefühl bedeutet. Außerdem stehen den entsprechenden Zentren modernste technische Möglichkeiten und ein breites Spektrum an unterschiedlichen, miteinander kominierbaren Therapien zur Verfügung.

Welche Möglichkeiten zur Behandlung von Lebertumoren gibt es, und wie sehen die Erfolgschancen aus?


Es gibt den primären Leberkrebs, der in der Leber entsteht, und den sekundären Leberkrebs. Dieser hat seinen Ursprung in anderen Organen und tritt als Tochtergeschwulst (Metastase) in der Leber auf. Die überwiegende Anzahl der Patienten leidet an der zweiten Form. Wie bei jedem anderen bösartigen Tumor hängen auch beim Leberkrebs die Erfolgsaussichten davon ab, wie weit die Erkrankung bereits fortgeschritten ist, wo genau sie sich befindet und wie der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten ist. Bei der Operation eines Lebertumors ist die zentrale Überlegung immer, wie viel von dem Organ entfernt werden kann, damit der verbleibende Rest seine Aufgaben noch weiter erfüll. Dabei kann man sich die Regenerationsfähigkeit der Leber zunutze machen und vor dem Eingriff das Wachstum der Leber anregen. Zudem kann eine Operation mit einer Chemotherapie und/oder Bestrahlung sowie weiteren innovativen Verfahren kombiniert werden. Hier spielt wieder der Zentrumsgedanke eine Rolle: Während früher die operative Entfernung das fast ausschließliche Mittel der Wahl war, entscheiden heute mehrere Experten gemeinsam, welche Therapien in welcher Reihenfolge infrage kommen.

Darüber hinaus stehen mehrere moderne Behandlungsmethoden zur Verfügung. Dazu zählen etwa die SIRT, eine spezielle Radiotherapie, sowie lokale Ablationsverfahren, bei denen der Tumor durch Hitze oder Strom zerstört wird. Oder die Transarterielle Chemoembolisation (TACE): Das ist eine Kombination aus Chemotherapie und dem gezielten Verschluss des Blutgefäßes, das den Tumor mit Blut versorgt. Mit diesen und weiteren Therapiekonzepten, die auch immer mit einer OP kombiniert werden können, kann selbst jenen Patienten geholfen werden, die nur geringe oder keine Genesungschancen haben. Denn sie können das Voranschreiten der Erkrankung über einen gewissen Zeitraum aufhalten, Lebenszeit schenken und tumorbedingte Beschwerden minimieren.

Das Gespräch führte Sylvia Schmidt

Innovation

Moderne OP-Technik für die Leber

Durch den sogenannten „in-situ-Lebersplit“ verbessern sich für Krebspatienten die Heilungs- und Überlebenschancen enorm.

Kleine Tumore in der Leber können die Chirurgen zumeist sicher und problemlos entfernen. Schwieriger war bislang die Operation bei sehr großen Geschwülsten oder bei einer Vielzahl von Tumoren in der Leber. „Entfernen wir bei größeren Wucherungen den gesamten Tumor, bleibt häufig nicht genügend funktionsfähiges Lebergewebe übrig“, sagt Prof. Dr. Helmut Witzigmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. „Es besteht die Gefahr, dass die Leber versagt“, erläutert der Chirurg das hohe Risiko der bisherigen Eingriffsmöglichkeiten.

Eine neue Operationstechnik, die 2012 erstmals in der Friedrichstädter Klinik eingesetzt wurde, umgeht dieses Problem. Die Chirurgen nutzen dabei die besondere Eigenschaft der Leber, sich selbst regenerieren zu können. Das Verfahren wird in zwei Schritten umgesetzt. „Bei einem ersten Eingriff werden die Tumore nicht entfernt, sondern die Leber quasi durchgeschnitten“, erklärt Prof. Witzigmann die Technik. Die Operateure trennen den befallenen Teil vom gesunden Abschnitt. Gleichzeitig wird die Blutversorgung des erkrankten Leberlappens teilweise unterbrochen. Der unterversorgte, kranke Lappen verbleibt jedoch bis zum zweiten Eingriff im Körper. Nun warten die Mediziner etwa sieben bis zehn Tage.

Während dieser Zeit nimmt das Volumen des gesunden, aber eigentlich zu kleinen Leberteils deutlich zu - durch die verminderte Durchblutung des kranken Bereiches. In einer zweiten OP entfernen die Chirurgen dann den befallenen Teil der Leber. Der gesunde nachgewachsene Leberteil ist anschließend in der Lage, die Leberfunktion zu übernehmen. „Durch dieses Verfahren erhalten mehr Patienten als bisher die Chance auf Heilung. Während der kurzen Wartezeit von circa einer Woche ist ein weiteres Wachsen des Tumors außerdem wenig wahrscheinlich“, so Prof. Witzigmann zu den Vorteilen der Methode. (syl)